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Elverdissens Pfarrer Michael Große kennt die Corona-Sorgen vieler älterer Menschen

Angst, keine Normalität mehr zu erleben

Herford (WB)

Dass das mit der Nachbarschaft in Elverdissen irgendwie funktioniert – diese Erkenntnis gewinnt Pfarrer Michael Große ausgerechnet bei einem Angebot, das nicht angenommen wird: „Der CVJM und die Kirchengemeinde hatten sich bereit erklärt, Einkaufsdienste für ältere Menschen zu übernehmen.“ Doch niemand habe sich gemeldet.

Hartmut Horstmann

Gruppenbild mit Abstand auf der Treppe zur Empore: Pfarrer Michael Große, Isabel Gläsker (FSJ) und Jugendreferent Hans-Wilhelm Krämer haben zuvor über die kirchliche Arbeit in Coronazeiten gesprochen. Foto: Hartmut Horstmann

Der Pfarrer vermutet, dass Nachbarn die Aufgabe übernehmen. Etwa 240 Mitglieder gehören der Elverdisser Kirchengemeinde an – mehr als 300 von ihnen sind 80 Jahre und älter. In einer Zeit, in der wegen Corona Präsenzveranstaltungen wie Gottesdienste oder Frauenfrühstück nicht möglich sind, stellt sich auch für Große die Frage: Wie den Kontakt zur Gemeinde aufnehmen oder erhalten?

Der persönliche Geburtstagsbesuch bei Menschen, die 80 oder älter werden, gehört seit jeher zum Programm des Pfarrers. Verändert hat sich der Ort des Gratulierens. Er überbringe die Grüße an der Haustür, sagt der 59-Jährige. In die Wohnung gehe er nicht: „Das ist zu gefährlich. Wenn ich das Virus habe, ohne es zu bemerken, könnte ich andere anstecken.“ Sein Eindruck ist, dass die meisten Leute dankbar sind, dass er ihnen die Entscheidung abnimmt, ob sie ihn hineinbitten sollen oder nicht: „Ich spüre Unsicherheit.“

Gespräche an der Haustür fallen kürzer aus als in einer warmen Stube. Kontakte bekommt Michael Große aber auch auf dem Weg zu den Geburtstagskindern: „Ich bin zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Da treffe ich immer Menschen.“

Dass in Zeiten von Corona das Gefühl von Einsamkeit zunimmt, ist zu vermuten. Jugendreferent Hans-Wilhelm Krämer erzählt von Spaziergängen mit seinem Hund. Dabei komme er oft mit anderen Menschen zwanglos ins Gespräch: „Und da wird oft bedauert, was gerade alles nicht stattfinden kann.“

Um in der Friedenskirche als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen, ist Pfarrer Große jeden Sonntag von 10 bis 11 Uhr vor Ort: „Das ist die Zeit, in der normalerweise der Gottesdienst stattfindet. Aber mein Angebot wird bisher nicht genutzt.“

Und auch wenn ihn niemand oder kaum jemand gezielt anruft, um dem Geistlichen das Herz auszuschütten, erfährt er doch viel von den Nöten der Menschen. Besonders bewegen ihn Sätze älterer Menschen, wenn diese zum Beispiel sagen: „Ich habe Angst, dass ich nie wieder normale Zeiten erlebe.“ „Sie rechnen offenbar damit, dass sie vorher sterben“, sagt der Pfarrer. Oder als er neulich den Satz hörte: „Wir werden uns wohl nie wieder zum Kaffeekränzchen treffen.“

Zahlenmäßig die größte Resonanz im Erwachsenenbereich haben die Frauenfrühstückstreffen, die derzeit ebenfalls ausfallen. Etwa 80 Frauen kommen hier einmal monatlich zusammen. Als sehr gut bezeichnet Michael Große den Zusammenhalt in der Evangelischen Frauenhilfe, der 40 Frauen im Alter von 60 bis 100 angehören.

In Richtung Soziale Medien verlagert sich die Angelegenheit, wenn es um die Jugend geht. Auch hier können derzeit keine Präsenzangebote gemacht werden, aber Hans-Wilhelm Krämer nennt als Beispiel die Mädchen-Jungschargruppe, in der es weiterhin intensive Kontakte gibt. Generell nutze die Jugend die Chatmöglichkeiten sehr stark, weiß der 53-Jährige auch von seinen eigenen Kindern. Trotzdem seien sie froh, wenn sie wieder zur Schule oder zum Konfirmanden-Unterricht gehen könnten.

Unterdessen versucht der Pfarrer, Kontakt zu den Konfirmanden zu halten. Dabei erfuhr er, dass Arbeitsblätter derzeit keine gute Idee sind: „Die meisten Kinder haben mit Homeschooling genug zu tun.“ Als eine Möglichkeit, um unter Corona-Bedingungen miteinander im Gespräch zu bleiben, erwägt Große gemeinsame Spaziergänge: „Mal sehen, ob Jugendliche auf solche Angebote eingehen.“

Wer nicht auf Gottesdienste der heimischen Gemeinde verzichten will, findet Streaming-Angebote im Internet. Zudem hat Große vor dem Gemeindehaus eine Box aufgestellt, der die Predigttexte in Papierform entnommen werden können.

Doch das alles ist nur Ersatz. Besonders frustrierend ist die Situation für Isabel Gläsker, die in der Gemeinde ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Gruppentreffen sind nicht möglich und Gespräche laufen überwiegend über Stream-Schaltungen. Da könne man niemanden wirklich kennenzulernen, bedauert die 18-Jährige.

Zukunftsplanungen, Veranstaltungen, die verlässlich stattfinden: All dies ist mit einem Fragezeichen versehen. Immerhin wagt Jugendreferent Krämer die Prognose, dass es im Sommer Ferienspiele geben wird – „vermutlich in kleinen Gruppen“. Skeptischer wird er, wenn es ums Gemeindefest geht. Die dreitägige Veranstaltung werde in diesem Jahr wohl eher nicht stattfinden – „und wenn doch, dann nicht in der gewohnten Form“. Ein weiteres Jahr ohne Tauziehen in Elverdissen droht.

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