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Hunderte Brückenspinnen bevölkern die Herforder Unterführungen

Ansturm der Achtbeiner

Herford (WB). Sie lieben die Nähe zum Wasser, das Licht und die feucht-warme Witterung: Zu tausenden bevölkern Brückenspinnen derzeit Herfords Unterführungen. Aber keine Sorge: Von den Achtbeinern geht keine Gefahr aus. Im Gegenteil: Sie sind sogar äußerst nützlich.

Moritz Winde

Flink und hungrig: die Brückenspinne. Foto: Moritz Winde

Wer seinen Blick beim Gang durch die neu gestalteten Tunnel am Bahnhof nach oben schweifen lässt, wird seinen Augen kaum trauen: Vor jeder Lampe hängen unzählige Netze – und darin krabbeln unzählige Spinnen. Einige hängen mittlerweile so tief, dass Kopfeinziehen notwendig ist, um Körperkontakt zu vermeiden.

Die meisten Passanten können darauf wohl getrost verzichten. Manche Fußgänger drehen sich angewidert weg, andere wiederum treten näher, um das ungewöhnliche Schauspiel zu betrachten. Nicht jeder ekelt sich eben vor den Tieren.

Dr. Danilo Harms ist regelrecht fasziniert von ihnen. Der 39-jährige Arachnologe erforscht sie sogar. Er ist Abteilungsleiter für Spinnentiere und Tausendfüßer an der Universität Hamburg. Harms kennt das Phänomen der Brückenspinne. Die hohen Siedlungsdichten dieser Spezies – er spricht von Supernetzen – führt er darauf zurück: „Je wärmer es ist, desto schneller vermehren sie sich. Wenn sie viel Nahrung haben, können sie innerhalb von sieben Monaten bis zu 1500 Nachkommen zeugen. Und das von der Geburt an.”

Und noch eine Erklärung für die massenhafte Ausbreitung haben die Biologen herausgefunden: Brückenspinnen leben in Kolonien und sind im Gegensatz zu anderen Artgenossen nicht kannibalisch. Außer Vögeln und Fledermäusen hätten sie keine Fressfeinde, sagt Harms.

Die Spinnen sind Reproduktions-Weltmeister. Foto: Moritz Winde

Der Wissenschaftler, der die „Larinioides sclopetarius“ als Taube der Spinnenwelt bezeichnet, sagt, es gebe eigentlich keinen Grund, die Brückenspinnen zu vertreiben. „Sie fressen all das, was wir als lästig empfinden – zum Beispiel Fliegen und Mücken.“ Die Spinnen seien zudem für Menschen vollkommen harmlos. Mit den ersten Nachtfrösten würden die Tiere ohnehin sterben.

Mathias Polster vom Innenstadtverein, der die Unterführung mit viel Geld verschönert hat, ist ebenfalls ein Fan der Brückenspinnen. „Sie sind mir sehr sympathisch, weil sie so nützlich sind.“ Und obendrein könne man sowieso kaum etwas gegen sie tun. „Um sie los zu werden, müsste man die Unterführung zuschütten.“ Aber wer will das? Auf Anfrage teilt die Stadt Herford mit, die Tunnel würden ein bis zwei Mal pro Jahr gründlich gereinigt werden.

Manches Mal sieht sich Mathias Polster allerdings gezwungen, doch einzuschreiten. Nämlich genau dann, wenn die Brückenspinnen mit ihren dichten Netzen die Lampen verdunkeln. Dann nimmt sich der Stadtführer einen Besen und feudelt die Decken ab, um die Achtbeiner ein Stück weiter am Wasser abzusetzen.

Er weiß aber auch, dass die Verbannung nicht von Dauer ist: Schon nach kurzer Zeit sind sie wieder da. Kein Wunder: Schließlich fühlen sich Insekten nachts vom Licht magisch angezogen. Die Tafel der Brückenspinnen ist also immer reich gedeckt.

An den Lampen in den Unterführungen am Bahnhof hängen unzählige Spinnennetze. Foto: Moritz Winde
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