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Friedrichsgymnasiastin erzählt vom Abi in Corona-Zeiten – Ball und Chaostag entfallen

„Bei Klausur wurde nur einmal gelüftet“

Herford (WB). Als Thekla Koranashvili abends vor ihrer ersten Abi-Klausur – Deutsch Grundkurs – schlafen geht, grübelt sie nicht nur über die möglichen Prüfungsinhalte. „Ich sorge mich in der Corona-Krise um die Schüler, die zu einer Risikogruppe gehören oder Angehörige zu Hause haben, die zu Risikopatienten zählen“, sagt die 18-Jährige, die inzwischen drei von vier Prüfungen am Friedrichsgymnasium hinter sich gebracht hat. Gemeinsam mit ihrem Schulkamerad Colin Wilke hatte sie sich mit einer Online-Petition dafür eingesetzt, dass die Schüler frei wählen können, ob sie die Abi­prüfungen absolvieren oder ein Durchschnittsabitur erhalten.

Kathrin Weege

Bei allen Abiprüfungen sind die Tische weit auseinander gerückt, wie dieses Symbolfoto zeigt. Foto: dpa

Es ist Dienstag, 13. Mai. Die Gymnasiastin kommt in der Schule an. Wie schon in der Vorbereitungsphase geht es durch den Turnhalleneingang direkt in die Umkleidekabine zum Händewaschen, bevor sie sich auf die Einbahnstraße in ihren Prüfungsraum begibt. Um 8.30 Uhr muss Thekla Koranashvili anwesend sein, um 9 Uhr startet die Prüfung. Die Tische sind bereits auseinander gerückt, in dem großen Raum sitzen nur sieben Schüler. Eine Mundschutzpflicht gibt es nicht.

Angst vor Corona-Infektion

Dann wird die Klausur verteilt. „Ich konnte mich gut drauf konzentrieren. Direkt davor gingen mir aber E-Mails von Schülern durch den Kopf, die aus Angst lieber nicht an den Prüfungen teilnehmen wollten“, erzählt die 18-Jährige. Vor allem im Gedächtnis blieb ihr das Schreiben einer Abiturientin mit einer Lungenkrankheit. „Sie hatte kürzlich bei einer Bronchitis drei Wochen Blut gehustet. Sie hatte extreme Angst, sich mit Corona zu infizieren“, erinnert sich die Herforderin.

Auch bei freier Entscheidung zur Teilnahme hätte sie selber sich für die Prüfungen entschieden. „Ich wollte mich noch weiter verbessern. Das ist unter anderem wichtig, weil ich ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt anstrebe“, berichtet sie. Anders sah das bei Colin Wilke, ihrem Petitionsmitstreiter, aus. „Er hat Risikopatienten in der Familie und wollte aus Sorge um sie lieber nicht an den Prüfungen teilnehmen“, erzählt die Schülerin.

Corona-Vorkehrungen

Nicht immer seien alle Corona-Vorkehrungen optimal umgesetzt worden. „In einer der Fünf-Stunden-Klausuren wurde der Raum nur einmal gelüftet“, berichtet Thekla Koranashvili. In einem anderen Fall sei zwar verschärft auf die Maßnahmen geachtet worden – das habe aber zu Zeitverlust geführt, „den man sich in den Prüfungen nicht leisten kann“, sagt die Abiturientin. So sei beispielsweise das Wörterbuch zum Nachschlagen bei der Fluraufsicht deponiert gewesen. Man habe es nur nutzen dürfen, nachdem man sich die Hände gewaschen und desinfiziert habe.

Thekla Koranashvili muss an diesem Donnerstag noch in die mündliche Prüfung – dann kann sie endgültig durchatmen. Bisher sei es gut gelaufen – leistungstechnisch.

Abiball und Chaostag entfallen

Von einem normalen Abitur aber sei all das weit entfernt. „Wir machen keine Mottowoche, die immer mit dem Chaostag endet. Das ist sonst ein echtes Highlight zum Abschluss der Schulzeit“, bedauert die Gymnasiastin. Auch der Abiball, der am 26. Juni stattfinden sollte, ist gecancelt. „Das Festkomitee überlegt, ob er verschoben und nachgeholt werden kann.“ Auch die Zeugnisübergabe gestaltet sich anders. „Noch ist nicht klar, wie es genau laufen wird – ob mit oder ohne Eltern.“

Überhaupt ist für die 18-Jährige derzeit vieles ungewiss. Nach dem Abi wollte sie ein Jahr ins Ausland, bevorzugt nach Amerika, wo sie auch Verwandte hat. Corona aber lässt keine verlässlichen Planungen zu.

Online-Petition

Ungerecht und gefährlich finden Thekla Koranashvili und Colin Wilke den Beschluss des NRW-Schulministeriums, die Abiturprüfungen trotz Corona-Krise für alle verbindlich durchzuziehen. Die beiden Schüler aus der Q2 des Friedrichsgymnasiums hatten deshalb eine Online-Petition auf den Weg gebracht.

„Wir sind der Ansicht, dass den Schülern ihr fundamentales Grundrecht auf körperliche Gesundheit und Selbstbestimmung verweigert wird. Wir fordern Entscheidungsfreiheit für die Schüler. Sie sollen die Wahl zwischen einem ‚Durchschnittsabitur‘ und der Teilnahme an den Abiturprüfungen bekommen“, erklärte die 18-Jährige zum Start der Aktion. Die Petition haben inzwischen 7190 Unterstützer unterschrieben. „Noch eine Woche vor den ersten Abiprüfungen waren wir bei einer Protestaktion in Düsseldorf. Am Tag danach entschied der Schulausschuss, dass die Abi­prüfungen verbindlich von allen zu machen sind“, erzählt Koranashvili.

Die ganze Debatte habe aber auch etwas Gutes: „Wir alle waren erstmals so direkt von aktueller Politik betroffen. Ich glaube, dass für das politische Interesse in unserem Abschlussjahrgang ein besonderer Grundstein gelegt wurde“, meint die Schülerin.

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