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Rentner soll Prostituierte zum Sex ohne Kondom gezwungen haben, sieht sich jedoch von ihr hintergangen

Bordell-Streit landet vor Gericht

Herford/Löhne (WB). Waren es Tränen eines Traumas oder waren sie nur der Aufregung vor Gericht geschuldet, weil der angebliche sexuell Übergriff vielleicht überhaupt keiner war? Der Auftritt einer 29 Jahre alten Prostituierten aus Löhne vor dem Herforder Schöffengericht hat am Dienstag nicht gerade zur Aufklärung eines brisanten Sachverhalts gesorgt.

Bernd Bexte

Ein Streit im Rotlichtmilieu wird vor dem Amtsgericht verhandelt. Der Rentner war erstmals in dem Bordell zu Besuch. Foto: dpa

Auf der Anklagebank saß ein 65 Jahre alter, alleinstehender Mann aus Kirchlengern. Er war im Mai 2019 als Gast eines Bordells in Löhne Freier der Prostituierten gewesen. Nach einem gemeinsamen Getränk zog er sich mit der jungen Frau auf deren Zimmer zurück. Was dort dann geschah, ist Streitpunkt im Prozess unter Vorsitz von Richterin Alea Blöbaum.

Der Deutsche, gebürtig aus der ehemaligen Sowjetunion, gab an, dass er der Prostituierten auf deren Wunsch hin erst habe den Rücken massieren sollen. Als er nach einer Viertelstunde dann aber genug davon gehabt und sie aufgefordert habe, „endlich zur Sache zu kommen“, wie eine Dolmetscherin vor Gericht aus dem Russischen übersetzte, habe sie ihm gesagt, seine Zeit sei abgelaufen. Er müsse noch mal bezahlen. 100 Euro für 40 Minuten Sex – diese Konditionen sollen zu Beginn vereinbart worden sein. Jetzt müsse er noch mal etwas drauflegen.

Freier war alkoholisiert

Die Bardame schilderte den Ablauf unter Tränen ganz anders: Der Rentner habe mehrmals beim Sex das Kondom abgestreift. Sie habe es ihm immer wieder übergezogen. „Ich habe ihm gesagt, wenn er damit nicht aufhört, hole ich Hilfe.“ Zudem habe er sie beschimpft („Euch sollte man alle abschlachten“) und an den Haaren gezogen.

Tatsächlich alarmierte die Prostituierte drei Mitarbeiter des Bordells, die mit dem Gast offensichtlich nicht zimperlich umgingen. „Er erlitt eine Schädelprellung und verlor einen Zahn“, verweist seine Verteidigerin Barabara Hansen auf entsprechende Atteste.

Nachdem der Mann aus Kirchlengern aus dem Bordell hinauskomplimentiert worden war, rief er die Polizei – weil er nach seiner Version ja um sein Geld gebracht worden sei. Da er sich aber gegenüber den Beamten aggressiv verhielt – er hatte knapp ein Promille Alkohol im Blut – und die Bordellmitarbeiter von seinem angeblichen Übergriff berichteten, nahmen die Polizisten ihn in Handschellen mit auf die Wache nach Herford.

Weiteres Verfahren anhängig

Es folgte eine Anklage wegen sexueller Nötigung, möglicherweise sogar Vergewaltigung. Denn Staatsanwältin Isabel Treu schenkte der Darstellung der Bordelldame Glauben – zumindest bis zu deren Zeugenauftritt.

Sie verstrickte sich zunehmend in Widersprüche, schilderte den Vorfall ganz anders als noch im Juni 2019 gegenüber der Polizei. So gab sie damals an, einen Notknopf in ihrem Zimmer gedrückt zu haben, um Hilfe zu holen. Vor Gericht war sie sich sicher, dass sie zunächst aus ihrem Zimmer gerannt war, bevor eine Kollegin per Knopfdruck die Helfer alarmierte. „Ich weiß es nicht mehr“, sagte sie tränenerstickt. Und überhaupt: „Von mir aus hätte ich die Polizei nicht gerufen.“

Ihr Freier, er hatte an dem Abend 300 Euro in dem Bordell gelassen, hat übrigens ebenfalls Anzeige erstattet – gegen einen Bordell-Mitarbeiter, der auf ihn eingeschlagen haben soll. Ein separates Verfahren läuft. Der Prozess wird am 29. Mai fortgesetzt.

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