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Weil die Nachfrage nach Vinyl immer weiter steigt, reichen die Presswerke nicht mehr aus – Tom Fronza aus Herford muss sich gedulden

Das lange Warten auf die eigene Schallplatte

Herford

Lange Zeit galt die Schallplatte als das Medium von vorgestern. Doch seit einigen Jahren boomt das Vinyl-Geschäft wieder – was dazu führt, dass die Presswerke überlastet sind. Für einen Musiker wie den Herforder Tom Fronza bedeutet das, dass er lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss.

Von Hartmut Horstmann

Tom Fronza mit einer LP, die seinerzeit millionenfach verkauft wurde: Der Herforder will jetzt seine erste Platte auf den Markt bringen. Weil die Presswerke derzeit nicht ausreichen, um die gestiegene Nachfrage nach Vinyl zu befriedigen, muss er lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Foto: Hartmut Horstmann

Das Phänomen, das sich in jüngster Zeit auffällig verschärft hat, ist nicht neu. Künstler bringen eine neue Produktion auf CD oder als Download heraus – und die LP-Version wird für einen späteren Termin angekündigt. Es gebe schlicht und einfach zu wenig Presswerke, erläutert Tom Fronza, Musiker und Produzent. Nachdem die Schallplatte totgesagt worden sei, hätten die großen Labels ihre Presswerke ins Ausland verkauft oder abreißen lassen.

Was übrig geblieben ist, reicht nicht aus, um die Nachfrage befriedigen zu können. Und da würden die großen Labels mit bekannten Künstlern natürlich den Ton angeben, sagt Tom Fronza. Der 52-Jährige kennt das Geschäft, er weiß: „Die Kleinen müssen warten.“ Doch vom Projekt Vinyl Abstand zu nehmen, kommt für ihn nicht in Frage: „Unter Merchandising-Gesichtspunkten geht es auch um die Erweiterung der eigenen Produktpalette.“

Sogar die Cassette kommt zurück

Im April oder Mail soll das neue Album seiner Band Analogue Birds auf den Markt kommen – und zwar sowohl auf CD als auch auf Musik-Cassette. Letzteres fällt ebenfalls in die Rubrik „Erweiterung des Angebotes“. Die Produktion sei vergleichsweise einfach und es gebe bei den Cassetten gerade einen gewissen Hype: „Auch wenn nicht mehr jeder Mensch einen Recorder hat – ein paar Cassetten verkaufen wir doch.“

Was die Schallplatten angeht, so sei hier eine Verzögerung von etwa sechs Monaten gerade der Normalfall, fügt er hinzu. Fronza will die Zeit für eine Crowdfunding-Aktion nutzen, um die LP und andere Artikel wie T-Shirts zu vermarkten. Dabei denkt er an eine limitierte Vinyl-Auflage von 250 oder 300 Exemplaren.

Zur wirtschaftlichen Überlegung kommt die Neigung. Schon immer habe er eine eigene Platte machen und ein Cover gestalten wollen, sagt der Musiker. Doch zumindest war er als Produzent bereits an Plattenaufnahmen beteiligt. Während er seine Vinyl-Zukunft plant, stellt er fest, dass sich gerade auch ein Comeback der CD ankündigt. Der Grund: „Viele Fans wollen nicht nur streamen, sondern etwas in den Händen halten.“ Gerade im Zusammenhang mit Konzerten floriert der Tonträger-Verkauf.

"Spotify" wird kritisch betrachtet

Daher hat der 52-Jährige auch eine klare Position zu Spotify: „Das Geschäftsgebaren ist windig. Und es entzieht uns Musikern die Lebensgrundlage.“ Denn die Ausschüttungen für die Künstler seien ein Witz und Spotify wirke sich extrem negativ auf den Tonträger-Verkauf aus.

Gerade in Corona-Zeiten, in denen lange keine Konzerte möglich waren, verschärft sich die Situation für die Künstler noch. Das Ganze funktioniere nur, weil der Konsument leider mitmache, bedauert Tom Fronza – woraus sich die Frage ergibt, was dem einzelnen Hörer die Musiker überhaupt wert sind. Für den Herforder hat diese Fragestellung mit gesellschaftlicher Anerkennung, aber auch mit Nachhaltigkeit zu tun: „Ein Hühnerfilet, das einen Euro kostet, wird uns irgendwann auf die Füße fallen. Das Gleiche gilt für die Kultur.“

Wertschätzung für Kultur

Aus einer anderen Perspektive blickt Burkhard Schmilgun aufs Musikgeschäft. Der Herforder ist Produzent des Klassiklabels cpo, das zum Medienversandhändler jpc gehört. Während Schmilgun den Vinyl-Boom für den Jazz- und Popbereich bestätigt, sehe es bei der Klassik anders aus. Das Label cpo hat sich hier im Nischenbereich erfolgreich positioniert, was sich in CD-Verkaufszahlen von bis zu 15.000 Exemplaren ausdrückt. Um es mal auszuprobieren, habe cpo auch ein paar Klassik-Langspielplatten gemacht – aber die Nachfrage sei nicht erwähnenswert. Anders bei den CDs: „Sie ist alles andere als tot“, sagt der Produzent.

Mit den Produkten ist cpo auch auf Streamingplattformen wie Spotify vertreten. Das gehöre dazu und sei erst einmal eine andere Art der Weiterreichung von Musik. Einen gewissen Rückgang, was den Verkauf physischer Tonträger angeht, konstatiert der Herforder durchaus. Dies habe mit den Streamingdiensten zu tun. Doch sei cpo bei den Ausschüttungen in einer anderen Position als ein Einzelkünstler mit ein paar Alben: „Wir haben 2000 Titel. Die Masse macht es.“

Allerdings äußert auch Schmilgun Kritik: „Es wird an die Künstler zu wenig ausgeschüttet. Was sie produzieren, sollte einen entsprechenden Wert haben.“

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