1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Das Virus kam über Weihnachten

  8. >

23 Bewohner und acht Mitarbeiter im Herforder Johannes-Haus infiziert – Leiterin: „Belastung ist enorm“

Das Virus kam über Weihnachten

Herford (WB)

Neun Monate hat es das Johannes-Haus geschafft, das Coronavirus draußen zu halten. Zum Jahreswechsel dann der Schock: Der Erreger war im Altenheim angekommen.

Moritz Winde

Will endlich wieder sorgenfrei zur Arbeit kommen: Edda Bekemeier leitet das Johannes-Haus am Herforder Wall. Foto: Moritz Winde

Vier der neun Gruppen sind betroffen. Bislang wurden 23 Bewohner – aktuell sind noch 15 infiziert – und acht Mitarbeiter positiv getestet. Eine 93-Jährige starb im Zusammenhang mit der neuen Krankheit im Klinikum. „Alle anderen haben zum Glück nur milde Erkältungssymptome. Hoffen wir, das dies so bleibt“, sagt Edda Bekemeier.

Die 58-Jährige ist die Hausleiterin der Einrichtung am Stadtwall, die zum evangelischen Johanneswerk in Bielefeld gehört. Hier kümmern sich 90 Mitarbeiter um 88 alte und kranke Menschen.

Sie sagt, man habe alles Menschenmögliche getan, um coronafrei zu bleiben. „Wir haben so sehr gehofft, bis zum Impftermin verschont zu bleiben.“ Doch dann kam das Fest der Liebe. Bewohner wurden nach Hause geholt, es gab vermehrt Besuche.

Auch wenn es müßig sei: Edda Bekemeier wird den Gedanken nicht los, dass über Weihnachten das Coronavirus unbemerkt und unwissentlich in „ihr“ Heim geschleppt wurde. Als die unsichtbare Gefahr erst einmal im Johannes-Haus war, verbreitete sich Covid-19 dort im Schneeballprinzip weiter.

Dabei hatte Edda Bekemeier im Dezember alle Angehörigen angeschrieben, doch bitte auf Besuche zu verzichten. „Ich weiß, wie bitter es ist, seine Liebsten nicht besuchen zu können. Ich habe selbst eine 90-jährige Mama, die ich nur unter strengsten Hygienemaßnahmen sehen kann. Das zerreißt mir das Herz. Aber unsere Bewohner sind nun einmal besonders verletzlich – und die Folgen einer Corona-Erkrankung können dramatisch sein.“

Ihre Appelle kamen offenbar nicht bei allen an. Am 1. Feiertag erhielt Edda Bekemeier den Anruf, der ihr so gerne erspart geblieben worden wäre. Ein Mitarbeiter meldete, ein Schnelltest eines Bewohners habe angeschlagen. Ein Massentest ergab weitere positive Ergebnisse. Das Coronavirus hatte es ins Johannes-Haus geschafft. Mit einem Mal sei eine große Angst da gewesen und ein Gefühl der Hilflosigkeit. „Man weiß ja nicht, was passiert.“

Edda Bekemeier gibt unumwunden zu, zwischenzeitlich an ihre Grenze gekommen zu sein. Die psychische und physische Belastung sei seit März ungebrochen hoch. „Es geht ja um Menschenleben. Und ich fühle mich verantwortlich.“ Ohne eine gewisse Routine – sie macht den Job seit zehn Jahren – würde sie das nicht durchstehen.

Deshalb empfinde sie es als unfair, wenn jetzt mit dem Finger auf die Pflegeheime gezeigt werde, weil sich diese zu Hotspots entwickeln. „Es ist naheliegend zu denken: Was haben die falsch gemacht? Aber Schuldzuweisungen sind fehl am Platz. Erst wurden wir hochgejubelt und jetzt werden wir an den Pranger gestellt. Unsere Mitarbeiter opfern sich auf.“

Seit dem 6. Januar laufen die Impfungen. Ende des Monats sollen alle Bewohner – nur drei lehnen die Spritze ab – das Vakzin erhalten haben.

Dann kann Edda Bekemeier endlich mal wieder durchpusten und sorgenfrei zur Arbeit kommen. Das wird nach fast einem Jahr Daueranspannung auch höchste Zeit.

Startseite