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Kommentar: Die Corona-Krise dämpft die politische Angriffslust

Demut ja, Ehrfurcht nein

Herford (HK). Noch immer ringen zwei Patienten im Klinikum Herford an Beatmungsgeräten um ihre Leben. Weder ihre Familien noch jene der sieben im Kreis Herford gestorbenen Menschen muss man fragen, ob die drastischen Vorsichtsmaßnahmen der vergangenen Wochen tatsächlich nötig gewesen sind. Die Virusinfektion könnte jeden von uns treffen. Auch wir könnten jetzt im Klinikum liegen.

Stephan Rechlin

Die Corona-Krise wirkt sich auch um das Verhalten in politischen Gremien aus. Der Kreisausschuss genehmigt die Notmaßnahmen von Landrat Jürgen Müller ohne weitere Diskussion. Das Foto zeigt die im März eingerichtete Abstrichstelle am H2O. Foto: Lars Krückemeier

Von dieser Demut sind offenbar auch die Mitglieder des Herforder Kreisausschusses ergriffen. Ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, billigten sie einstimmig sämtliche Notmaßnahmen, die Landrat Jürgen Müller in den vergangenen neun Wochen getroffen hat – ohne die Gremien vorher einzuberufen.

Dabei geht es immerhin um Entscheidungen, die den Kreis in der Summe mehr als eine Million Euro kosten werden. Sogar einer vom Landrat erwogenen Änderung der Hauptsatzung, die ihm künftig solch eine nachträgliche Erlaubnis ersparen würde, stehen sie aufgeschlossen gegenüber.

Schweigende Zustimmung

So einfach kam nicht jeder Landrat oder Bürgermeister in Ostwestfalen-Lippe in den zurückliegenden Tagen davon. Die schweigende Zustimmung belohnt Landrat Jürgen Müller für dessen unermüdliche Einbindung sämtlicher Fraktionen in alle seine Entscheidungen der vergangenen Wochen. Jede Fraktion bestätigte, in der Krise gut und umfassend vom Landrat informiert worden zu sein. Ebenso engen Kontakt pflegte Müller zu den Bürgermeistern im Kreis Herford, zu Amtsinhabern der Nachbarkreise und Städte sowie zur Regierungspräsidentin, deren hohes persönliches Engagement Müller ausdrücklich hervorhebt.

Doch vor lauter Dankbarkeit und Demut in öffentlicher Sitzung in den Tonfall einer Laudatio zu fallen, geht doch zu weit. Wenn sich „der liebe Stephen“ (Paul, FDP) beim „lieben Jürgen“ (Müller, SPD) dafür bedankt, zu Wort kommen zu dürfen, dann erinnert das an den Duktus von Verdienstkreuzverleihungen fünf Jahre nach einer Pensionierung. Ebenso ehrfurchtsvoll klingt es bei den anderen Fraktionen auch.

In gut fünf Monaten ist Kommunalwahl. Die Zeit davor nennt man Wahlkampf.

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