1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. „Den Gebetsruf halte ich für okay“

  8. >

Superintendent Michael Krause spricht über schwarze Kassen und religiöse Toleranz

„Den Gebetsruf halte ich für okay“

Herford (HK). Die Amtszeit des Superintendenten Michael Krause neigt sich dem Ende zu. Für Hartmut Horstmann eine gute Gelegenheit, im Gespräch mit dem 52-Jährigen Bilanz zu ziehen. In dem Interview ging es um schwarze Kassen und den Zusammenhalt im Kirchenkreis. Aber auch Themen wie den Muezzin-Ruf und die Kirche der Zukunft kamen zur Sprache.

Bis zum 3. September muss Michael Krause sein Büro im Kreiskirchenamt räumen. Er sagt: „Mich treibt nichts weg. Aber ich habe mir schon die Frage gestellt, ob es nicht sinnvoll wäre, einen neuen beruflichen Abschnitt zu beginnen. Foto: Hartmut Horstmann

Die Menschen aus dem Kreis Herford erinnern sich noch gut an Ihre Anfänge, als Sie offenlegten, dass der Kirchenkreis Herford über schwarze Kassen verfügt. Ist Ihnen der Schritt an die Öffentlichkeit schwer gefallen?

Michael Krause : Nein, der Schritt ist mir nicht schwer gefallen. Als ich über das Sondervermögen ins Bild gesetzt worden war, war mir bewusst, dass so etwas nicht geht – auch wenn sich niemand persönlich bereichert hat. Mit dem neuen Verwaltungsleiter habe ich mir die Dinge angeschaut, denn ich musste das erst mal verstehen. Klar war, dass der Synode etwas vorenthalten worden war. Wir brauchten also ein ordnungsgemäßes Verfahren, um das Geld sinnvoll verwenden zu können. Zum Glück haben alle an der Aufklärungsarbeit mitgewirkt.

Auf immerhin 50 Millionen Euro belief sich das angehäufte Vermögen, das keinen Nutzen hatte. Zuvor hatte es harte Sparsynoden gegeben. Da dürfte die Wut in einigen Kirchengemeinden groß gewesen sein. Wie sind Sie damit umgegangen?

Krause: Von Wut möchte ich nicht reden, eher von vielen Emotionen, von Empörung von Enttäuschung. Aber wir sind nicht aufeinander losgegangen. In der ersten Woche nach der Veröffentlichung waren wir Abend für Abend unterwegs, um mit den Menschen in den verschiedenen Teilen des Kirchenkreises zu sprechen.

Welche Funktion hat das Vermögen heute?

Krause : Das Geld ist als Vermögen angelegt: Es gibt Erträge, die besonders sozialen Aufgaben dienen sollen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir die Diakonie stärker fördern können als andere Kirchenkreise. Ein Teil des Vermögens gehört aber auch den Kirchengemeinden.

Als Sie anfingen, waren Sie recht jung. Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass Ihr Alter ein Nachteil sein könnte?

Krause: Nee, glaube ich nicht. Manchmal haben mich ältere Kollegen unterstützt, wenn ich sie um Rat gefragt habe. Aber vielleicht hatte ich als etwas jüngerer Mensch eine Form von Unerschrockenheit, die hilfreich war - auch in der Diskussion wegen der schwarzen Kassen. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir das schaffen.

Wenn Sie die Jahre Revue passieren lassen, was waren die größten Veränderungen?

Krause: Zu Veränderungen ist es vor allem da gekommen. wo wir als Kirche gesellschaftlich unterwegs sind. Das ganze Feld der Diakonie musste neu aufgestellt werden. Und ihm Kita-Bereich sind wir durch den U3-Ausbau und die geflüchteten Menschen in einer Lage, in der sich die Kommunen wieder an uns wenden. Ob wir bereit sind, Neues mitaufzubauen.

Worauf sind Sie stolz?

Krause: Mit dem Wort Stolz tue ich mich schwer. Aber es gibt Dinge, über die ich mich freue und für die ich dankbar bin. Als Superintendent war ich viel unterwegs, habe viele haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende kennengelernt. Mit Leuten in vielfältigen kirchlichen Landschaft in Kontakt kommen zu können - das ist Freude pur. Hinzu kommt, dass ich ein gewachsenes Vertrauen spüre. Wir stehen für eine Kirche mit einem freundlichen Antlitz, keinem verbiesterten.

Gibt es Entwicklungen – unabhängig von der allgemeinen Tendenz zu Kirchenaustritten -, die Sie bedauern?

Krause: Was sich verstärkt hat angesichts vieler Konflikte, ist die Frage, ob Religion nicht schädlich ist. Denn Glaubensstreitigkeiten würden zu Auseinandersetzungen führen, heißt es. Aber dann denke ich an den kleinen Dano, die Suche nach ihm, die Trauer, als sein Leichnam gefunden wurde. Hier wurde die Kirche zu einem Ort, an dem sich Menschen verschiedener Glaubensrichtungen versammelten. Und die Religion spendete Trost.

Wenn die beteiligten Menschen – vom normalen Kirchgänger bis zum Presbyter – ein Urteil über die Ära Krause fällen sollen – Was glauben Sie, wie fällt es aus?

Krause: Die Antwort möchte ich mir nicht anmaßen. Klar ist, dass man immer zwischen Person und Amt unterscheiden muss. Wenn ich offiziell irgendwo eingeladen war, bin ich immer freundlich empfangen worden. Ich bin also offenbar niemandem zur Last gefallen.

Wie beurteilen Sie den Zusammenhalt im Kirchenkreis? Ist es ein homogenes oder eher heterogenes Gebilde? Gibt es zum Beispiel eine Stadt-Land-Rivalität?

Krause: Mein Eindruck ist, dass der Zusammenhalt zugenommen hat. An allen Ecken und Enden gibt es Interessantes. Man muss einander nur wahrnehmen und miteinander ins Gespräch kommen. Als Beispiel für diese Entwicklung fällt mir eine Veranstaltung in der Löhner Werretalhalle mit 1000 Vertretern aus den einzelnen Gemeinden ein. Viele Leute, die sich aus anderen Bezügen her kannten, haben sich das erstmals gegenseitig als Teil der Kirche wahrgenommen. So etwas schafft ein Wir-Gefühl.

Die Kirche der Zukunft ist ein Dauerthema. Hat die Kirche eine Zukunft – und wenn ja, welche?

Krause: Eine Kirche wird es immer geben. Das ist eine Glaubenssache und da habe ich keine Angst. Ich weiß allerdings nicht, ob sie in der jetzigen Form immer Bestand haben wird. Geändert hat sich das Verhältnis zu den Gottesdiensten. Es gehen nicht weniger Leute in die Kirche, wie manchmal behauptet wird. Sondern die Leute nehmen zum Beispiel längere Wege auf sich, um zu besonderen Abendgottesdiensten zu fahren. Und wo wir diakonisch unterwegs sind, erreichen wir Menschen im Sinne des Evangeliums. Ich bin mir sicher: Die Kirche wird immer Formen finden, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen - damit der Glauben nicht in Traditionen erstarrt.

In der coronabedingten Phase ohne Gottesdienste gab es viele Online-Angebote. Muss dieser Weg fortgesetzt werden?

Krause: Ja, das wird Zukunft haben. Viele wollen sich in dem Bereich verbessern und dieser Wunsch durchzieht den gesamten Kirchenkreis. Ich denke da zum Beispiel an den Podcast der Mariengemeinde, der hohe Klickzahlen bekommen hat. Die Online-Angebote sind eine Möglichkeit, mit relevanten Themen Menschen zu erreichen.

In der Petrikirche wurden früher Veranstaltungen abgehalten, bei denen die Teilnehmer die Krimiserie Tatort sahen. In einigen Herforder Kirchen finden Benefizkonzerte für Künstler statt, die unter Corona leiden. Muss die Kirche stärker Veranstaltungsraum werden – auch wenn Kritiker einwenden könnten, die Angebote hätten mit Kirche nichts zu tun?

Krause: Also, Tatorte sind durchaus gemeinschaftsfähig. Solche Angebote können Anstöße zu Diskussionen geben. Und ein Riesenpfund in Herford ist der Orgelsommer, der in diesem Jahr bekanntlich ausfällt. Was Herr Scheding mit den Corona-Konzerten auf die Beine gestellt hat, ist fantastisch. Und auch im Park von Hiddenhausen sitzt die Kirche bei den Sonntagskonzerte mit im Boot. Unter anderem arbeiten Schüler vomJohannes-Falk-Haus im Café Alte Werkstatt mit. Mein Eindruck ist, dass wir als Kirche auch jetzt schon gut vernetzt sind.

In Herford gibt es gerade eine kontroverse Diskussion um den freitäglichen Muezzin-Ruf der Ditib-Gemeinde. Wie sieht Ihre Haltung dazu aus? Muss sich die Evangelische Kirche in einer derart wichtigen Frage nicht öffentlich positionieren?

Krause : Den Gebetsruf halte ich für okay. Religionsfreiheit heißt in Deutschland, einen Glauben haben zu dürfen und ihn als Einzelner und als Gemeinschaft frei ausüben zu können. Das gilt für Christen, Juden, Muslime und andere. Wir besuchen uns in Herford untereinander. Wir reden dabei auch über kritische Fragen. Ein interreligiöses Gespräch vor Ort. Das ist wichtig. Was den Gebetsruf angeht: Sozialpfarrer Holger Kasfeld und Agim Ibishi vom Diakonischen Werk werden zu dieser Frage einen Podcast aufnehmen. Neben der Solidarität mit einer anderen Religionsgemeinschaft braucht es für die Debatte eine Versachlichung und Vertiefung. Das ist unsere Aufgabe.

Jetzt zu Ihrer Person: Sie genießen großes Ansehen. Was sprach gegen eine weitere Amtszeit als Superintendent?

Krause : Eigentlich nichts. Vorausgesetzt, ich wäre wiedergewählt worden. Aber es gab in der Zeit immer mal wieder Anfragen, und so bin ich auch zum Gespräch nach Bethel eingeladen worden. Mich treibt nichts weg aus Herford, aber ich habe mir schon die Frage gestellt, ob es nicht sinnvoll wäre, einen neuen beruflichen Abschnitt zu beginnen.

Was erwartet Sie an Ihrem neuen Arbeitsplatz?

Krause: Ich werde Geschäftsführer in einem Bereich von Bethel mit Einrichtungen, die zwischen Hannover und Diepholz liegen. Dabei habe ich weiterhin theologische Aufgaben. Das Ganze beginnt mit einer vierteljährlichen Trainingsphase.

Werden Sie weiterhin in Herford wohnen und eventuell sogar Vertretungsdienste für Gottesdienste wahrnehmen?

Krause: Wir sind eine fünfköpfige Familie und wir haben jetzt ein Haus, vier Kilometer von der Innenstadt entfernt. Ich selbst werde pendeln müssen. Was Gottesdienste angeht, so will ich erst mal abwarten, wie sich das mit der neuen Stelle entwickelt. Auf jeden Fall gibt es schon Anfragen für Trauungen und Taufen.

Startseite
ANZEIGE