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Literatur als Alternativ-Geschichte: Kolumbus scheitert, die Inka erobern Europa und wundern sich

Der angenagelte Gott

Hamburg (WB)

Wie sähe die Welt aus, wenn Kolumbus mit seiner Mission gescheitert wäre? Wenn stattdessen eine Inka-Delegation auf seinen Schiffen nach Europa gelangt wäre? Wenn sie den Kontinent erobert und ihre Sonnenreligion sich etabliert hätte? Konjunktiv-Fragen über Konjunktiv-Fragen, aus denen der Autor Laurent Binet in Frankreich einen Bestseller gemacht hat

Hartmut Horstmann

Laurent Binet: Eroberung. Rowohlt Verlag, Hamburg. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. 381 Seiten, 24 Euro. Foto:

„Eroberung“ lautet der deutschsprachige Titel des Romans, der die Zuschreibungen von Alter und Neuer Welt umdreht. Um seiner Geschichte den Anschein des Faktischen zu geben, erfindet der Autor neue Quellen oder schreibt bekannte um – so das Tagebuch des Kolumbus. Von den Indios ist der Entdecker in der Binet-Version besiegt und gefangen genommen worden. „Seit drei Tagen feiern sie zu Flötenklängen, Trommeln und Gesang“, notiert Kolumbus. Er geht davon aus, dass er „am anderen Ende des Ozeans wohl schon vergessen ist“.

Richtig in Schwung kommt die verdrehte Weltgeschichte, als Inka die Boote des gescheiterten Seefahrers entdecken und sich nach Europa aufmachen. Sie landen auf einem zerstrittenen Kontinent voller Glaubenskämpfe, wundern sich über eine Religion, die um einen angenagelten Gott kreist. Gekonnt setzt der Autor diesen fremden Blick ein, der das als gottgegeben empfundene Selbstverständnis der Europäer relativiert. Ja, mehr noch: Die Inka glauben, mit Orientalen zu tun zu haben.

Durch Geschick und Glück bringt es der Inkaherrscher Atahualpa zum Kaiser, Martin Luther hingegen mutiert zur Fußnote der Geschichte. Entsprechend werden 95 Thesen der neuen Sonnenreligion an die Wittenberger Kirche genagelt.

Was in der Kurzfassung reichlich klamaukig wirken mag, besticht in Gänze durch ein brillantes Spiel aus Ironie, historischem Wissen und Lust auf ungewöhnliche Abenteuer-Erzählungen. Dem Buchumschlag ist zu entnehmen, dass der Roman in 20 Sprachen übersetzt und als Serie verfilmt wird. Binets Alternativgeschichte – eine Erfolgsgeschichte.

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