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Kassenärztliche Vereinigung sieht aber Hausärzteversorgung im Raum Herford »noch stabil«

»Der Druck ist groß«

Herford (WB). Allgemeinmediziner Dr. Henning Fischer spricht von einem »dramatischen Hausärztemangel«. Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hingegen ist die Versorgung mit Hausärzten im Mittelbereich Herford »derzeit – statistisch gesehen – noch stabil«.

Peter Schelberg

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe verweist darauf, dass sich für Herford erste positive Entwicklungen abzeichneten, die die hausärztliche Versorgung vor Ort vorerst stabilisieren könnten. Ziel sei es, die Arbeit in der ambulanten Versorgung für junge Ärzte wieder attraktiver zu machen. Foto: dpa

Wie berichtet, schließt Dr. Fischer zum 15. Dezember seine Praxis in der Scharnhorststraße und geht in Rente. Mit einem offenen Brief an seine Patienten hat der 67-Jährige die Diskussion über das Nachwuchsproblem für Hausarztpraxen neu befeuert. Auch Fischer hat keinen Nachfolger gefunden. In Schreiben an die KVWL und das NRW-Gesundheitsministerium hatte er kritisiert, dass die KVWL ihren »Sicherstellungsauftrag« im Hausarztbereich nicht mehr erfülle. Eine Antwort habe er bisher nicht erhalten: »Da herrscht Funkstille.«

Hausarzt Dr. Fischer sieht »dringenden Handlungsbedarf«

Fischer vermisst konkrete Maßnahmen und sieht »dringenden Handlungsbedarf«. Nachdem in Herford in den vergangenen Jahren zwölf Hausarztpraxen ohne Nachfolger geschlossen hätten, arbeiteten die übrigen Praxen heute »alle am Limit«.

Die Kassenärztliche Vereinigung teilt auf Anfrage mit, dass der hausärztliche Versorgungsgrad im Mittelbereich Herford (dazu zählen Herford, Hiddenhausen, Enger und Spenge) bei 85,3 Prozent liege. Dieser Wert fußt auf einem Beschluss des Landessausschusses der Ärzte und Krankenkassen vom Mai 2019. Aktuelle Entwicklungen wie beispielsweise die bevorstehende Praxisschließung seien in dieser Auswertung noch nicht abgebildet.

Eine kleinräumige Abbildung des Versorgungsgrads unterhalb der Mittelbereichsebene sehe die Bedarfsplanungsrichtlinie nicht vor. Zum Vergleich: Im Mittelbereich Bünde liegt der Versorgungsgrad bei 87,9 Prozent, für den Bereich Gütersloh bei 89,5, für Minden bei 109,6 und für Paderborn bei 102,1 Prozent.

Stadt Herford im Förderverzeichnis

Obwohl sie die Hausärzteversorgung im Mittelbereich Herford noch als stabil bewertet, räumt die KVWL ein: »Allerdings ist der hausärztliche Versorgungsdruck in Herford aufgrund der in den vergangenen Jahren erfolgten Schließungen mehrerer Praxen ohne Nachfolgeregelung groß.« Die KVWL habe sich daher bereits vor einiger Zeit entschlossen, die Stadt Herford in ihr Förderverzeichnis aufzunehmen.

Dieses Verzeichnis sei als »Frühwarnsystem« zu verstehen, mit dem die KVWL aufzeigen könne, in welchen Gemeinden sich in naher Zukunft Probleme bei der ärztlichen Versorgung entwickeln könnten. Ärzte, die sich in den aufgelisteten Kommunen niederlassen möchten, können beim Vorstand der KVWL besondere Unterstützungsmaßnahmen beantragen. Dazu zählen beispielsweise die Übernahme von Umzugs- und Einrichtungskosten sowie Darlehen zum Praxisaufbau oder zur Praxisübernahme.

»Erste positive Entwicklungen zeichnen sich ab«

Durch die Maßnahmen sei es nachweislich gelungen, die Versorgungssituation in verschiedenen Städten und Gemeinden in Westfalen-Lippe zu verbessern, teilt KVWL-Sprecherin Jana Elbert mit: »Auch für Herford zeichnen sich erste positive Entwicklungen ab, die die hausärztliche Versorgung vor Ort vorerst stabilisieren könnten.« Aus datenschutzrechtlichen Gründen könnten dazu jedoch noch keine detaillierteren Angaben gemacht werden. Auch Dr. Hermann Lorenz, Leiter der KVWL-Bezirksstelle Minden und selbst Allgemeinmediziner in Herford, stehe mit den Ärzten vor Ort in engem Kontakt.

Nachwuchskampagne »Praxisstart«

Das Förderverzeichnis sei nur eines der vielfältigen Angebote, Förderungen und Maßnahmen, die die KVWL entsprechend ihrem gesetzlichen Sicherstellungsauftrag initiiert habe, um auf die angespannte Nachwuchssituation zu reagieren: »Ziel ist es, die Arbeit in der ambulanten Versorgung für junge Ärzte wieder attraktiver zu machen.« Jana Elbert verweist auch auf die Nachwuchskampagne »Praxisstart« und eine eigene Seminarreihe »Wege in die Niederlassung« an der Ruhr-Universität Bochum, deren Verbund auch das Klinikum Herford angehört.

Dr. Samir Zoubie, stellvertretender Vorsitzender des Ärztevereins Herford, kündigte an, dass ein Gespräch mit Landrat Jürgen Müller geplant sei, in dem die aktuelle Situation thematisiert werden solle.

Kreis Herford zahlt 25.000 Euro Prämie für Praxisgründung

Der Kreis Herford versucht seit Ende September, dem Hausärztemangel mit einer Prämienzahlung zu begegnen. Allgemeinmediziner, die sich im Fördergebiet mit einer Praxis niederlassen, erhalten 25.000 Euro Starthilfe. Voraussetzung ist, dass sie die hausärztliche Tätigkeit für mindestens fünf Jahre vor Ort ausüben. Die Förderrichtlinie gilt bis Ende 2020. Bislang sind nach Angaben von Kreis-Pressesprecherin Petra Scholz vier Anträge eingegangen. Bewilligt habe der Kreis Herford den Zuschuss für eine Praxis in Kirchlengern, die am 1. Oktober eröffnet hat.

Geprüft wird zurzeit jeweils ein Antrag für Herford und für die Übernahme einer Praxis in Vlotho. Abgelehnt wurde ein Antrag für Hiddenhausen. Der Grund: Die Gemeinde liegt nicht in einem ausgewiesenen Fördergebiet.

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