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Herbert Even sitzt seit 1984 im Herforder Rat – jetzt will er Bürgermeister werden

Der grüne Mehrheitsbeschaffer

Herford (HK). Ob an der Goebenstraße oder an der Stadtholzstraße – überall hat es das Wahlkampfteam von Bündnis 90/Die Grünen geschafft, dass das Plakat von Herbert Even über dem des SPD-Bürgermeisterkandidaten Tim Kähler hängt. So als wolle Even mit der Plakatierung sagen, es ist mir egal, wer unter mir Bürgermeister ist. Offiziell würde Even dies vehement bestreiten. Und doch halten einige Ratsmitglieder den erfahrenen Strippenzieher für den heimlichen Bürgermeister, weil es ihm immer wieder gelingt, Mehrheiten zu organisieren.

Ralf Meistes

Meistens ist er mit dem Fahrrad unterwegs: Herbert Even, Bürgermeisterkandidat von Bündnis90/Die Grünen, am Lübbertorwall. Die Wallsanierung hält er für sehr gelungen. In einem nächsten Schritt soll der Bereich Unter den Linden saniert werden. Foto: Ralf Meistes

Das Konzept

Bei einer Radtour durch die Stadt mit HK-Redaktionsleiter Ralf Meistes haben wir Herbert Even gebeten, uns ein Projekt der Stadt zu präsentieren, das er für besonders gelungen hält. Zugleich sollte mit dem Fahrrad ein Ort angesteuert werden, an dem dringend etwas verändert werden muss. Beide Orte, die Even ausgewählt hat, liegen gar nicht weit auseinander.

Wallsanierung

Evens erste Station mit dem Fahrrad ist der Lübbertorwall. Für ihn ein Musterbeispiel für gelungene Stadtentwicklung. „Wir Grünen haben den Wallausbau zusammen mit der CDU vorangetrieben, gegen die Bedenken einiger SPD-Kollegen. „Ich finde, die fertigen Abschnitte sind wirklich gelungen und wir setzen uns für die zügige Sanierung der Wall-Bereiche ein, die sich noch im alten Zustand befinden“, sagt Even. Es sei richtig gewesen, keinen gesonderten Korridor für Radfahrer zu markieren. „So eine Radfahrspur schafft Rechte und dann fangen die Leute an, auf ihrem Recht zu bestehen. So müssen Radfahrer und Fußgänger sich einigen, miteinander kommunizieren. Außerdem hat der Wall heute mehr einen Promenadencharakter dadurch, dass wir auf farbliche Markierungen verzichtet haben.“

Janup

Zwischen dem Vorzeigeobjekt Wall und dem Problembereich Janup liegen gerade einmal wenige hundert Meter. Der große, baumlose Parkplatz, dahinter der Bauzaun, der die Ruine an der Löhrstraße nur ansatzweise verdeckt – all das müsse in den kommenden Jahren verändert werden. „Hier ist viel Handlungsbedarf“, sagt Even auch mit Blick auf das leer stehende Dohm-Hotel, das die Stadt erst kürzlich erworben hat. Hier könnten innerstädtische Wohnungen geschaffen werden. Voraussetzung für ein schönes Wohnquartier sei auch, dass aus der vierspurigen Straße Auf der Freiheit eine zweispurige werde. „So eine innerstädtische Autobahn ist nicht mehr zeitgemäß. Wir benötigen mehr Raum für den Radverkehr und den ÖPNV“, sagt Even. Sollte auch das ehemalige C&A-Gebäude, in dem sich derzeit unter anderem Expert-Döring befindet, von der Stadt gekauft werden? Even: „Die Preisvorstellungen für einen Ankauf, die ich gehört habe, sind völlig unrealistisch. Die Stadt kann nicht bei jedem Immobilienkauf groß draufzahlen. Wir müssen hier als Stadt geduldig sein.“

Verkehr

Die Verkehrsplanung steht im Wahlprogramm von Herbert Even weit oben. Er fordert einen weiteren Ausbau von Fahrradstraßen, den Rückbau von vierspurigen Straßen wie die Mindener Straße, Berliner Straße und die Straße Auf der Freiheit. Den von der Stadtverwaltung geplanten großen Kreisel in Höhe des Go Parcs lehnt er ab. „Das ist eine Planung aus dem zurückliegenden Jahrhundert. Wir wollen mehr Radfahrer und mehr Nutzer des ÖPNV und damit weniger Individualverkehr mit dem Auto. Da ist so ein geplanter Turbo-Kreisel das völlig falsche Signal“, sagt der Bürgermeisterkandidat.

Bildungscampus

Während CDU und Grüne den Wallausbau vorangetrieben haben, stimmten die Grünen auch für das wichtigste Stadtentwicklungsprojekt der kommenden Jahrzehnte, den Bildungscampus und das Wohnquartier auf dem Stiftberg. Die Entwicklung am Bildungscampus sei anfangs unter hohem zeitlichen Druck vorangetrieben worden. „Wir sehen das als große Chance mit vertretbaren Risiken“, blickt Even heute auf den Bildungscampus. Das Gelände zwischen Vlothoer Straße und Stadtholzstraße sei heute bereits ein interessanter Standort für Lehre, Forschung und künftig auch für Start-Up-Unternehmen. Die Tatsache, dass die Grünen in der zurückliegenden Legislaturperiode mal mit der CDU und mal mit der SPD den Haushalt verabschiedet hat, kommentiert Even lakonisch: „Unsere Politik ist der Vernunft verpflichtet.“ Der Umstand, dass die fünf Mitglieder zählende Fraktion zuletzt immer an der Verabschiedung der Haushalte beteiligt war, hat ihm den Ruf des Mehrheitsbeschaffers eingebracht.

Über Kähler und Theisen

Manchmal verpackt Herbert Even Kritik in allgemeinen Sätzen, beispielsweise wenn er feststellt, dass Kommunikation in die eigene Verwaltung, aber auch in die Politik hinein, eine wichtige Aufgabe eines Bürgermeisters sei. Wer in der Stadt 100-Millionen-Euro-Projekte (wie das OWL-Forum, Anm. der Redaktion) plane, der müsse frühzeitig alle am Entscheidungsprozess Beteiligten informieren. Eine Spitze gegen den amtierenden Bürgermeister Tim Kähler.

Herbert Even kann aber auch sehr direkt werden, wenn er beispielsweise das Gefühl hat, die öffentliche Ausübung der Religion werde von der CDU in Frage gestellt. Die Reaktion der CDU-Bürgermeisterkandidatin Anke Theisen zum Muezzinruf verurteilt er auch Wochen nach deren Äußerung noch scharf. Theisen hatte damals erklärt: „Wir wollen das hier nicht.“ Es gebe das grundgesetzlich verankerte Prinzip der Gleichheit aller Religionen. So sei das Glockengeläut christlicher Kirchen genauso erlaubt wie der Gebetsruf des Muezzin. „Frau Theisen vertritt hier eine Position, die man eher bei der AfD verortet“, wird Even deutlich.

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