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Kreisklinikum Herford steuert als erstes Krankenhaus eigene Daten zur Krebs-App „Mika“ bei

Der Krebsberater aus der Handtasche

Herford (WB)

Brustkrebs - die Diagnose raubt Diana Müller-Varnholt (43) den Schlaf. Statt bis in den Morgen hinein zu grübeln, schaut sie auf Mika, ihre Krebs-App. Sie gibt ihr ein paar Achtsamkeits- und Entspannungstipps, mit der sie die für die Krankheit typische Schlaflosigkeit überwinden kann.

Stephan Rechlin

Selbsthilfebeauftragte Nadja Will und Chefarzt Dr. Thomas Heuser empfehlen Brustkrebs-Patientinnen des Kreisklinikums Herford die Nutzung der Krebs-App „Mika“. Die Handy-Anwendung hilft Frauen auf höchstem wissenschaftlichen Niveau, besser mit der Krankheit zurechtzukommen. Foto: Stephan Rechlin

Mit der App werden ab sofort alle Patientinnen der gynäkologischen Station des Kreisklinikums ausgerüstet. Sie kann kostenlos aus dem App Store oder dem Google-Play-Store heruntergeladen werden. Auf ihr erfahren Betroffene alles, was sie über Krebs wissen müssen. Sie gibt Tipps zum Stressabbau, zu geeigneten Sportübungen, zu Ernährung. Wem es im Zuge der Behandlung schlecht geht, kann auf ihr erfahren, was man gegen auflösende Mundschleimhaut, Lymphödeme oder Taubheitsgefühlen in den Händen unternehmen kann, ohne auf den nächsten Arzttermin zu warten.

Der Arzt wiederum kann das personalisierte Symptom-Tagebuch auswerten, um den Therapieverlauf einzuschätzen. Noch einen Schritt weiter geht das Kreisklinikum Herford. Als erstes Krankenhaus in der Region hat es die in der Gynäkologie angeordneten, individuellen Behandlungsschritte und allgemeine Klinikinfos in die App einpflegen lassen. Die leitende Stationsschwester Christiane Dilge hat die Inhalte zusammengestellt: „Wir teilen den Patientinnen mit, was in der Behandlung auf sie zukommt, aber auch, was sie in der Nachsorge zu beachten haben. Insofern geht die App weit über die eigentliche Therapie hinaus.“

Patientin Kerstin Gresser (57) nutzt sie auch nach ihrer achtmonatigen Behandlung: „Mika ist zu meinem Freund in der Handtasche geworden.“ Denn das Leben gehe nach einer Krebstherapie nicht einfach so weiter wie in der Zeit vor der Krankheit: „Ich bin ja froh, nicht jedesmal die Klinik aufsuchen zu müssen, weil wieder eine Nebenwirkung aufgetreten ist.“

In der Entwicklungsphase der App ist Dr. Jan Simon Raue vom Berliner Startup Fosanis GmbH von zwei Begleiterscheinungen ausgegangen, die in der Krebstherapie eher nebensächlich betrachtet werden: „30 Prozent der Patienten werden über die schweren Monate depressiv, 20 Prozent werden vergesslich.“ Von den vergeblichen Versuchen, einen schnellen Termin bei einem Psycho-Onkologen zu bekommen, können Diana Müller-Varnholt und Kerstin Gresser eine Menge erzählen. Um wirklich fundierte Informationen in die App einfließen zu lassen, arbeitete Raue mit Spezialisten der Universitätsklinik Leipzig, der Charité, dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg und mit dem Leibnitz-Institut für Resilienzforschung zusammen. Chefarzt Dr. Thomas Heuser leitet die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Kreisklinikum: „Die App ist auf wissenschaftlich höchstem Niveau. Niemand muss mehr wegen Krebs googeln.“

Im Klinikum hat die Selbsthilfebeauftragte und Mika-Lotsin Nadja Will das Projekt vorangebracht. Die Gynäkologie sei die Pilotstation gewesen, bis Mitte kommenden Jahres würden auch die entsprechenden chirurgischen und urologischen Stationen in der App aufgenommen: „Unser Ziel ist eine Zertifizierung als selbsthilfefreundliches Krankenhaus.“

Während ihrer eigenen Brustkrebserkrankung hätte sich die gelernte Anästhesie-Schwester so eine App gewünscht: „Die Fachbroschüren verstand damals kein Mensch.“ Doch warum heißt die App ausgerechnet „Mika?“ Nadja Will: „Das steht für Mein Interaktiver Krebs-Assistent.“

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