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Theo Löchte, Sprecher der Herforder Obdachlosenunterkunft, widerspricht der Sozialdezernentin

„Die Stadt lässt uns allein“

Herford (WB)

Aus politischen Debatten hält sich Theo Löchte, Haussprecher im Obdachlosenheim an der Werrestraße 117d, gewöhnlich heraus. Doch was Sozialdezernentin Birgit-Froese-Kindermann dem Ausschuss über die Zustände im Wohnheim mitgeteilt habe, reize seinen Widerspruch.

Stephan Rechlin

Seit zehn Jahren lebt Theo Löchte (58) in der Werrestraße 117d. Die Lage spitze sich immer mehr zu. „Wir brauchen einen Wachdienst.“ Foto: Moritz Winde

So habe die Diakoniestiftung keineswegs eigenmächtig und ohne konzeptionelle Absprache mit der Stadt einen Wachdienst berufen. „Es gab eine große Hausversammlung, an der alle teilgenommen haben. Die Chefs der Stiftung, die Stadt, die Caritas, die Polizei.“ Darin sei es um die als dringend notwendig erachtete Beauftragung eines Sicherheitsdienstes gegangen.

Nachdem die Lage im Sommer zu eskalieren drohte, bewachten nachts zwei Security-Männer das Gebäude. Es wurde ruhiger. Wiederholt hatte die Diakoniestiftung um finanzielle Hilfe bei der Verwaltung gebeten, doch die Stadt weigert sich bis heute, Geld für einen Sicherheitsdienst zu geben.

Das kann Theo Löchte nicht nachvollziehen. „Die Leute der Stiftung reißen sich wirklich den Hintern auf, aber gegen die zunehmende Gewalt und Aggressivität einzelner Bewohner sind sie machtlos. Nicht nur viele Mieter, auch die Sozialarbeiter fühlen sich im Stich gelassen. Die Stadt lässt uns allein“, sagt der 58-Jährige. Nach 16 Jahren auf der Straße fand der Bochumer 2010 eine feste Bleibe an der Werrestraße 117d. Die Entwicklung im Haus werde von Jahr zu Jahr dramatischer. „Wir haben Angst.“

Er widerspricht der Darstellung des Sozialamtes, dass nur jener Teil des Wohnheimes von den Spannungen betroffen sei, der von der Diakonischen Stiftung vermietet werde. „Ein junger Mann in einer von der Stadt angemieteten Wohnung ist völlig ausgerastet. Er hat Stühle und Tische demoliert, einen Türrahmen herausgetreten, Essen an die Wand geworfen.“ Mehrfach habe die Stiftung die Stadt aufgefordert, den psychisch kranken Mann anderswo unterzubringen. „Es ist nichts passiert.“

Schon wieder wurden mehrere Fenster in einer Wohnung kaputt geschlagen. Foto: Moritz Winde

Im Ausschuss stellte Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann die Situation weniger dramatisch dar. Sie widersprach den Berichten in dieser Zeitung, wonach sich die Lage bedrohlicher entwickelt haben soll. Ausgehend von aktuellen Beobachtungen habe das so nicht bestätigt werden können. Wenngleich die Ernsthaftigkeit der Situation der Betroffenen vor Ort nicht verkannt werden solle, sei eine Verschärfung der Situation nicht eindeutig und zweifelsfrei zu ermitteln.

Auch in räumlicher Hinsicht habe eine Entspannung festgestellt werden können. So übersteige die Zahl der Personen, die das Nur-Übernachtungsangebot nutzten, ein Mittel von zwei bis drei Personen derzeit nicht. Die Maximalauslastung umfasse fünf Plätze. Hinzu komme, dass auch die städtischen Clearingwohnungen momentan nicht voll ausgelastet seien. Froese-Kindermann: „Das ist weit entfernt von unhaltbaren Zuständen.“

So entspannt nimmt Theo Löchte die Lage nicht wahr: „Im städtischen Teil des Wohnheims sind jetzt fünf Fenster eingeworfen worden.“ Am Dienstagabend sei die Polizei mal wieder dagewesen. Erneut sei die Stadt der dringenden Bitte nicht nachgekommen, ihn an einem anderen Ort unterzubringen. „Hier landen nur die harten Fälle. Alle an einem Ort. Es ist doch klar, dass das nicht gut gehen kann. Ein Sicherheitsdienst würde uns ruhiger schlafen lassen. “

Für ihn als trockenen Alkoholiker sei es eine enorm belastende Situation. Noch könne er den meist lauten, aggressiven Streit verkraften, ohne rückfällig zu werden: „Ob das für alle hier gilt, wage ich zu bezweifeln“, befürchtet der gelernte Maurer, der nach seiner Frau auch Job und Wohnung verlor. „Ich weiß, dass uns viele als Abschaum betrachten: Aber auch wir haben doch Hilfe verdient.“

In der Obdachlosenunterkunft am Rande der Stadt kommt es immer wieder zu Straftaten. Foto: Moritz Winde
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