1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Dieser Mann hat ein strafbares Hobby

  8. >

„Urbexer“ Ben aus dem Kreis Herford steigt in verlassene Gebäude ein – mehrere Verfahren wegen Hausfriedensbruch

Dieser Mann hat ein strafbares Hobby

Herford (WB)

Es ist nicht lange her, da beging Ben nahezu an jedem Wochenende eine Straftat. Der 19-Jährige liebt den Nervenkitzel. Mittlerweile lässt er es zwar etwas ruhiger angehen, auf der Suche nach „Lost Places“ begibt er sich aber weiter regelmäßig in Gefahr.

Moritz Winde 

Eine riesige, verlassene Eishalle in einer belgischen Großstadt: „An sich sehr heruntergekommen, aber dennoch durch die Ausmaße und den Lichteinfall sehr beeindruckend.“ Foto: Haribot Exploring

Warum treiben sich Menschen an Plätzen herum, die längst von der Welt vergessen wurden? Im Interview mit dieser Zeitung verrät der junge Mann aus dem Kreis Herford, was ihn antreibt und weshalb er noch lange nicht genug hat.

Seinen kompletten Namen möchte er genau so wenig wie seinen Wohnort verraten, „obwohl mich die Polizei schon gut kennt. Ich musste schön öfter auf der Wache an der Hansastraße meine Aussage machen“, sagt Ben, der sich im Internet „Haribot Exploring“ nennt. „Haribot“, weil er beim Computerzocken gerne die süßen Fruchtgummis aus Bonn nasche, „Exploring“, weil er ein Entdecker sei.

Seit sechs Jahren schon steigt Ben in verlassene Gebäude ein und filmt das, was er dort vorfindet. Er sei vom Verfall fasziniert, sei aber auch immer wieder überrascht, wie gut erhalten viele Immobilien seien. So wie eine seit 20 Jahren ungenutzte Rehaklinik im Odenwald: „Der Strom lief tatsächlich noch, der gesamte Zustand war war trotz des langen Leerstandes wirklich überragend.“ Und für eine seit 2009 stillgelegte Zeche im Ruhrgebiet findet er nur ein Wort: „krass“ – so beeindruckend seien die Ausmaße gewesen.

Das alte Sporthotel an der B239: Gut eine Stunde hat der Urbexer in dem lange leerstehenden Komplex gefilmt. Foto: Moritz Winde

Ben geht europaweit auf Entdeckungstour. „Ich habe eine Karte mit 17.000 verlassenen Orten. Es ist der Wahnsinn, wie viele Häuser leer stehen – vor allem im Osten.“

Aber auch in der Region gebe es interessante Lost Places. Vor Weihnachten drehte er im Sporthotel an der B239 in Herford. Wenig später wurden dort fünf Gleichgesinnte erwischt.

Auch das Kurhaus Ernstmeier in Bünde sowie den heruntergekommenen Hauptbahnhof in Vlotho hat Ben bereits besucht. Bislang war es ihm allerdings nur ganz selten vergönnt gewesen, als Erster – das ist sozusagen die Königsdisziplin in der Community – einen unbelebten Ort zu finden.

Der Urbexer (Kurzform von Urban Exploring) ist meist in größeren Gruppen unterwegs, was in Zeiten von Corona naturgemäß schwierig sei. Angst sei beim Einsteigen eher fehl am Platz, „ein notwendiger Respekt sollte aber vorhanden sein. Wenn man dieses Hobby lange genug betreibt, hat man irgendwann kaum noch Angst.“

Um nicht gestört zu werden, schaue draußen manchmal einer nach dem Rechten, wirklich „Schmiere“ stehe aber niemand. „Oft informieren wir uns über die Orte vorher, um auch fürs Video eine Geschichte erzählen zu können.“

Riskante Situationen gebe es aber immer wieder mal: „Einmal hat mich sogar ein Mann mit einem Messer bedroht. Ich konnte gerade noch abhauen.“

Ben weiß, dass er mit dieser Form des Zeitvertreibs gegen das Gesetz verstößt. Wer in das Gebäude eines anderen unerlaubterweise eindringt, begeht Hausfriedensbruch. „Mir ist es wichtig, niemals mit Gewalt einzubrechen. Und ich lasse auch keine Dinge mitgehen.“ Er sehe sich als Videograf, der den Verfall dokumentiere.

Die Aufnahmen lädt er im Internet hoch. Ben hat seinen eigenen Youtube-Kanal . Durchschnittlich zwischen 1500 und 7500 Leute schauen sich seine Werke an, ironischerweise seien die erfolgreichsten Videos seines Erachtens nach auch seine qualitativ schlechtesten. Von 50 bis 75.000 Aufrufen sei alles dabei. Ein guter Film bringe schon mal 500 Euro. Geld, das der Mann aus dem Kreis Herford gut gebrauchen kann – für die Begleichung seiner Strafe. Die kann schnell 1000 Euro und mehr betragen. Bisher habe er bereits zehn Verfahren am Hals gehabt, von denen einige noch offen seien.

Trotzdem will der Urbexer weitermachen. Es gibt ja noch so viele Lost Places zu entdecken.

Startseite