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Johanniskirche: Hausinstallation mit Bach-Kantate eingeweiht

Ein Lied auf den Lippen

Herford (WB). Wo kommt denn diese Stimme her? Wer abends durch die Herforder Petersilienstraße geht, wird sich wundern. Denn aus dem Fenster eines Hauses an der Johanniskirche hört er ein Lied mit dem herzerfrischenden Titel »Ich habe genug«.

Hartmut Horstmann

Gespannt schauen die Passanten durch das Fenster auf den Film von Alexandra Ranner, der im Innern des Hauses gezeigt wird. Zur Zeit ist das Video in der Zeit von 16 bis 21 Uhr zu sehen und zu hören – mit Beginn der Winterzeit von 15 bis 20 Uhr. Foto: Hartmut Horstmann

Die Bach-Kantate samt Film ist Teil einer Installation von Alexandra Ranner, die an ihrem neuen Standort offiziell eingeweiht worden ist. Bratwurst und Bier hatten die Verantwortlichen aufgefahren, um den Start der Kunst an der Johanniskirche zu einer Art Event werden zu lassen. Die Nähe zu dem Gotteshaus hatte in Verbindung mit dem Film im Vorfeld auch für Kritik gesorgt.

»Der Film macht mich ganz ruhig«

Bei der Eröffnung selbst war allerdings keiner der Kritiker zugegen, um mit der in Berlin lebenden Künstlerin ins Gespräch zu kommen. Stattdessen herrschte Einverständnis mit der Arbeit – auch die Tatsache, dass der Film einen rumpflosen Kopf zeigt, der im Wasser treibt und singt, erwies sich nicht als Grund, das Abendland in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Eine junge Dame, die die kopflastige Angelegenheit durch das Fenster der Hausinstallation verfolgt hat, sagte: »Der Film macht mich ganz ruhig.«

Begeistert von der Musikauswahl zeigte sich der Kirchenmusiker Wolf-Eckart Dietrich. »Ich liebe diese Bach-Kantate«, bekennt er. Die Kombination des Liedes mit Film und Haus, das Collagemäßige, empfindet Dietrich als »etwas verstörend«. Aber das sei ein Zeichen für gute Kunst, auch Bach habe die Zeitgenossen verstört. Als irritierend empfand es der Experte, dass die Künstlerin auf eine Orchesterfassung verzichtet. Aber das hätte zu sehr wie Filmmusik gewirkt, so Ranner.

Presbyterium hat zugestimmt

Die Installation hatte zuvor auf einem Grundstück am Unternehmenssitz Heiner Wemhöners gestanden. Nachdem sie für eine Ausstellung in Berlin abgebaut worden war, entstand bei dem Mäzen die Idee, in Herford einen zentraleren Platz zu suchen. Fündig wurde man bei der Kirchengemeinde Herford-Mitte, die den Ort an der Kirche anbot. Pfarrer Johannes Beer wandte sich an das Presbyterium, dieses stimmte zu.

Während das Haus dort bereits seit Wochen stand, wurde am Donnerstag erstmals der Film gezeigt. Dass das Gebäude auch auf Vorbehalte stößt, erfuhr Alexandra Ranner bei den vorbereitenden Arbeiten: »Es haben mich Leute angesprochen – und das nicht nur freundlich.« Blendet man den Charakter des Kunstwerks aus, kann die Künstlerin die Ablehnung sogar verstehen: »Es ist ein höchstens mittelmäßig schönes Haus. Aber das soll so sein.«

»Wunderschöner Ort«

Und tatsächlich: Gerade das Unspektakuläre erweist sich als geeigneter Kontrast, um das Ungewöhnliche des Films zur Geltung kommen zu lassen. Die Künstlerin hofft, dass die Herforder ihre Arbeit »an diesem wunderschönen Ort« lieben werden.

An Provokationen scheint sie nicht interessiert, so legt sie Wert auf die Feststellung: »In den Film ist kein abgetrennter Kopf zu sehen, sondern ein Kopf, der keinen Körper hat.« Wer sich mit eigenen Augen vergewissern will, hat dazu täglich von 16 bis 21 Uhr Gelegenheit. Dann heben sich die Fensterrollladen und der Film beginnt.

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