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Annegret Flair promovierte 1944 – Nachlass landet im Kommunalarchiv

Eine ungewöhnliche Frau

Herford (WB). Sie war die Tochter eines Schmiedemeisters aus der Credenstraße – und brachte es an der Philosophischen Fakultät in Berlin zum Doktor. Annegret Fleer (1922 – 1999) war eine ungewöhnliche Frau. Ihr Nachlass wurde dem Kommunalarchiv zur Verfügung gestellt.

Christine Römer und Christoph Laue

Die kleine Gasse von der Creden- zur Komturstraße in der Nähe der Schmiede: Im heutigen Haus Credenstraße 16 wurde Annegret Fleer geboren. Sie besuchte das Staatliche Oberlyzeum, das später zur Königin-Mathilde Schule wurde. Die Aufnahme zeigt die Abiturklasse 1940. Foto: Kommunalarchiv/Sammlung Fleer

Die Schmiede Fleer in der Credenstraße: Dort wurde Annegret Fleer am 18. Februar 1922 geboren, weniger als vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Mit ihrem jüngeren Bruder Otto verlebte Annegret eine glückliche Kindheit und Jugend. Ihre Schulzeit brachte sie zügig und erfolgreich hinter sich. Ab 1928 besuchte sie die Bürgerschule Wilhelmsplatz zu Herford, ab Ostern 1932 ging sie ins Staatliche Oberlyzeum zu Herford und bestand dort mit »gut« am 15. März 1940 das Abitur. Aus den Eintragungen in Schülerzeitungen ist abzulesen, dass sie nicht nur eine gute, sondern auch eine beliebte Schülerin war.

Ungewöhnlich für eine junge Frau dieser Herkunft und Zeit war sicherlich, dass sie Herford zum Studium verließ. Ihre Doktorarbeit schrieb sie in Berlin über: »Der deutsche Kriegsbericht und die Kriegsberichterstatter in den deutschen Einheitskriegen (Ein Beitrag zur Geschichte des Kriegsberichts)«. Mit gerade 22 Jahren wurde sie 1944 zum Doktor promoviert.

In Berlin hat sie trotz der Kriegswirren auch ein bewegtes Leben geführt. Sie war z.B. im Humboldt-Klub, einem deutsch-ausländischen Akademiker-Verein und traf häufig eine Freundin aus Herforder Schul- und Tanzstundenzeiten, die in Berlin Jura studierte. Über diese lernte sie Paul Peter Römer kennen (und lieben), der im Reichswirtschaftsministerium arbeitete. Als 1944 alle unverheirateten Frauen zur Flak einberufen werden sollten, heirateten sie und lebten gemeinsam in Grunewald. Annegret bewarb sich im April 1944 beim Auswärtigen Amt und arbeitete dort bis März 1945 als »wissenschaftliche Hilfsarbeiterin« und Schriftleiterin.

Flucht aus Berlin

Es folgte dann die »Flucht aus Berlin«, das Ehepaar verließ die Stadt mit dem letzten planmäßigen Zug Richtung Westen. Diese Abreise war trotz des Chaos am Kriegsende ordentlich geplant – offiziell hatte Paul Römer eine »Anordnung zur Dienstreise nach Bad Salzungen«, einem Ausweichquartier des Ministeriums, und durfte bis Herford seine Frau begleiten.

Sie blieb zunächst in Herford, er suchte eine Wohnung in seiner Heimatstadt Völklingen, und die Familie verzog 1946 dorthin. Während Paul Römer als Rechtsanwalt tätig war, sorgte Annegret (sie bekam 1946 und 1950 Sohn und Tochter) für die Familie und hielt ihrem Mann den Rücken frei. Daneben hörte sie noch einige Vorlesungen an der Uni in Saarbrücken. 1958 folgte für Paul Römer die nächste berufliche Station in Koblenz, wo die Familie fortan lebte.

Erzählungen Verlagen angeboten

Mit dem Größerwerden der Kinder gewann Annegret Römer mehr Zeit für sich und schrieb wie auch schon zuvor Erzählungen, Artikel, Leserbriefe etc. Sie bot die Erzählungen zahlreichen Verlagen an und machte bei Ausschreibungen und Wettbewerben mit. Sie musste zahlreiche Ablehnungen ertragen, lediglich in einem Sammelband wurde eine Erzählung abgedruckt.

Zum Abitur ihrer Tochter hielt sie als Vertreterin der Eltern eine Rede, auch dort ist die deutliche Kritik an der Stellung der Frau in der damaligen Gesellschaft zu erkennen. Sie blieb – wie viele Frauen in dieser Zeit – die große Stütze der Familie. Nach der Pensionierung des Mannes zogen sie nach Bonn, wo Paul Römer 1985 starb und auch sie bis zu ihrem Tode 1999 lebte.

Zahlreiche Dokumente im Stadtarchiv

Ihre Kinder haben sich entschlossen, zahlreiche Dokumente aus dem Nachlass ihrer Mutter und familiengeschichtliche Unterlagen dem Stadtarchiv zu schenken. Hier ist nun der dauerhafte Platz für ein erstaunliches Leben einer promovierten Schmiedemeister-Tochter, die nach hoffnungsvollem Start ins Leben ein typisches Frauenschicksal der 1950/60er Jahre erleben musste.

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