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35 Jahre Partnerschaft der Kirchenkreise Herford und Sinabun – Pfarrer aus Indonesien offiziell eingeführt

Eine Verbindung unter Freunden

Herford (WB). Fast 10.000 Kilometer trennen Ostwestfalen und Nord-Sumatra: Ungeachtet dieser großen Distanz ist in 35 Jahren die Partnerschaft zwischen dem Evangelischen Kirchenkreis Herford und dem Kirchenkreis Sinabun der Karo-Batak-Kirche gewachsen – und heute lebendiger denn je. »Es ist eine Verbindung unter Freunden«, sagt Pfarrer Johannes Beer.

Peter Schelberg

Im Rahmen eines Festgottesdienstes in der St. Johanniskirche wurde Pfarrer Albert Purba (2. von rechts) als ökumenischer Mitarbeiter im Kirchenkreis Herford eingeführt – hier mit Pfarrer Johannes Beer, Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller und Superintendent Michael Krause (von links). Foto: Alexander Kröger

Der Vorsitzende des Partnerschaftskreises verweist auf Besuche und Treffen von Gruppen aus den Kirchenkreisen, auf Verbindungen der Presbyter und Bläserkreise, Praktika, gemeinsame Projekte und Hilfsaktionen. Hinzu kommt ein Gedankenaustausch per E-Mail und Whats-App. Beer: »Auch auf diese Weise lassen wir uns gegenseitig teilhaben.«

Novum in der Partnerschaft

Dass allerdings ein Seelsorger aus Indonesien eine Anstellung im Herforder Land erhält und mit seiner Familie hierher zieht, ist ein Novum in der Partnerschaft: In einem Festgottesdienst in der St. Johanniskirche ist Pfarrer Albert Purba am 5. Oktober von Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller offiziell als Ökumenischer Mitarbeiter der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) eingeführt worden. »Zu uns kommt eine Familie aus einer Gegend, wo die Menschen existenziell bedroht sind«, sagte Möller.

Vulkan Sinabung beraubt Menschen ihrer Zukunft

Er erinnerte daran, dass der Vulkan Sinabung mit seinen Ausbrüchen immer wieder Menschen ihrer Zukunft beraube und viele von ihnen alles verlören, was sie zum Leben brauchten. Kern inmitten dieser Schicksalsgemeinschaft sei die Karo-Kirche: »An der Seite der Menschen hält sie aus, was gar nicht auszuhalten ist, gibt Hoffnung, wo Menschen keine Hoffnung mehr sehen.«

Aus dem Wirken der Partnerkirche vor Ort wachse eine neue Glaubenszuversicht, die auch für die Menschen im Kirchenkreis Herford beispielgebend sein könne. »Wir freuen uns auf die gemeinsame Zeit des ökumenischen Austausches und interkulturellen Lernens«, unterstrich Superintendent Michael Krause in seiner Begrüßung.

Am 9. Juli war Purba nach 24-stündiger Reise mit seiner Frau Debby Tarigan und den Töchtern Ruth, Alya und Phia angekommen. Zuletzt war der 40-Jährige als Pfarrer der Karo-Batak-Partnerkirche in Jakarta tätig. Aus der 30-Millionen-Einwohner-Metropole ins beschauliche und kühlere Herford – zweifellos eine Herausforderung besonderer Art für Purba, der seither an der Seite von Pfarrer Beer den für ihn ungewohnten Arbeitsalltag in den Kirchengemeinden kennenlernt. Zurzeit absolviert er einen Deutsch-Sprachkurs, ein Führerschein-Lehrgang folgt.

Botschafter der Karo-Batak-Kirche im Kirchenkreis Herford

»Ab 2020 soll Pfarrer Purba dann selbstständig in der Kirchengemeinde Herford-Mitte und im Kirchenkreis arbeiten«, erläutert Johannes Beer. Darüber hinaus werde der »Botschafter der Karo-Kirche« im Handlungsfeld Weltmission und Ökumene mitwirken und der Partnerschaft zum Kirchenkreis Sinabun neue Impulse vermitteln. Purbas Vertrag läuft über drei Jahre, eine Verlängerung auf sechs Jahre ist möglich.

Beer kennt die Situation im Karo-Land aus eigener Anschauung. Zuletzt war er 2006 in Sinabun: »Unser Ziel ist, diese Verbindung zu bewahren, die uns über den Tellerrand hinausschauen lässt und die Chance zum Perspektivwechsel bietet.« Natürlich gebe es immer wieder Projekte, die der Kirchenkreis Herford gern unterstütze. »Genauso wichtig ist aber der gegenseitige Beratungsprozess«, sagt Beer: »Es gibt vieles, wo uns die Karo-Batak-Kirche weit voraus ist – zum Beispiel bei den Bibelkreisen oder Mikrokrediten. Da können wir noch viel lernen.«

Eine Delegation aus Sinabun habe nach einem Kirchentagsbesuch in Deutschland in ihrer Heimat einen Kirchentag nur für Kinder und Jugendliche organisiert: »Diese Idee haben wir für unsere Arbeit übernommen – und aus dieser Wechselwirkung heraus ist im Kirchenkreis Herford der jährliche Jugendkirchentag für unsere Konfirmanden entstanden«, erklärt Beer.

Herforder unterstützen Vulkan-Flüchtlingsarbeit

Nach den Ausbrüchen des Sinabung haben die Herforder es sich zur Aufgabe gemacht, die Vulkan-Flüchtlingsarbeit der Partner-Kirche zu unterstützen: »Mehrere tausend Menschen können nach den Eruptionen nicht in ihre Häuser zurückkehren – es gibt jetzt eine Sperrzone«, berichtet Pfarrer Beer. Dörfer werden an anderer Stelle neu aufgebaut, doch den bäuerlichen Familien fehlt das Einkommen, weil sie ihre zerstörten Felder im Sperrgebiet nicht mehr bestellen können. Ohne Einkommen können sie aber auch kein Schulgeld für ihre Kinder zahlen.

»Armut ist ein großes Problem in Sinabun«, erläutert Pfarrer Purba. Deshalb hat die Karo-Batak-Kirche einen Fonds aufgelegt, damit die Ausbildung an den Schulen weitergehen kann. Beer: »Daran beteiligt sich unser Kirchenkreis mit Spenden aus den Gemeinden – denn Kinder sind die Zukunft.«

Neues Haus für Behinderteneinrichtung »Alpha Omega«

Eine Herausforderung der diakonischen Arbeit ist auch die Versorgung behinderter Menschen. Ihre Zahl wird im Karo-Land auf 6000 geschätzt. Staatliche Betreuungsangebote fehlen, einzige Anlaufstelle ist die Behinderteneinrichtung »Alpha Omega« der Karo-Batak-Kirche. Dort werden zurzeit 118 Kinder versorgt. Zehn neue Häuser sollen zusätzliche Kapazitäten schaffen, geplant ist zudem ein ambulanter Betreuungsdienst für Dörfer in der Region.

Sechs Häuser sind gebaut, nun ist auch bei diesem Projekt Hilfe aus Herford gefragt. Der Kirchenkreis will ein Haus finanzieren, die Baukosten liegen bei 22.000 Euro: »Das werden wir durch Spenden schaffen«, blicken Pfarrer Beer und Superintendent Michael Krause nach vorn – mit großer Zuversicht.

»Glaube wird intensiv gelebt«

Superintendent Michael Krause hat 2015 die Karo-Batak-Gemeinde in Nord-Sumatra besucht, als die Karo-Batak-Kirche ihren 125. Geburtstag feierte. Delegationen aus Bad Bentheim, Lübbecke und Herford überbrachten Glückwünsche. Zu dem großen Fest hatten sich über 20.000 Menschen im Stadion von Kabanjahe versammelt. »Wir waren als Gäste mitten unter ihnen«, berichtet Krause.

Ihn haben bei der Partnerkirche vor allem zwei Aspekte beeindruckt: »Die Freude daran, Gottesdienste zu feiern – mit traditionellen und modernen Elementen, mit viel Musik – und das soziale Engagement. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt, dass unser Christsein gegenwärtig in zwei Dingen besteht: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Bei meinem Besuch habe ich gespürt, wie intensiv der Glaube bei unseren Partnern gelebt wird. Sie haben offene Augen für die soziale Situation der Menschen vor Ort und sie sind sehr findig, Lösungen zu entwickeln. Diakonie ist ein wesentliches Kennzeichen der Karo-Batak-Kirche.«

Kirche wirkt mit konkreter Hilfe

Er habe unter anderem Programme zur Suchtbekämpfung, zur Sicherung von Arbeit und Erwerb, zur Entwicklung der Dörfer kennengelernt: »Die Kirche wirkt mit ihrer konkreten Hilfe faszinierend auf andere. Und das Engagement beeindruckt auch die muslimischen Nachbarn.«

Die Karo-Batak-Kirche wachse weiterhin. Krause: »Ich habe durch den Kontakt zu dieser Kirche verstanden, dass man den Kopf nicht in den Sand stecken darf, wenn Gegenwind kommt. Der Blick auf den Nächsten kann auch uns hier in Deutschland aus einer manchmal quälenden Selbstbeschäftigung herausreißen.«

Projekt für Behinderteneinrichtung »Alpha Omega«

Mit Unterstützung des Kirchenkreises Herford sind im Partnerkreis unter anderem Kindergärten gebaut worden. »Als der Sinabung durch seine Eruptionen die Menschen aus ihren Dörfern vertrieben hat, haben wir immer wieder konkrete Hilfe leisten können – und zum Beispiel junge Menschen in ihrem Studium finanziell unterstützt«, berichtet der Superintendent: »Unser nächstes Projekt wird sein, unseren Partnern in ihrem Engagement für Menschen mit Behinderungen zu helfen. Mit dem Johannes-Falk-Haus und der Frühförderstelle haben wir Erfahrungen in diesem Bereich.«

Michael Krause wünscht sich auch für die Zukunft einen intensiven Austausch: »Mit Albert Purba haben wir einen kundigen Ansprechpartner. Er kann uns helfen, die Situation in Nord-Sumatra genauer zu verstehen.«

Die Karo-Batak-Kirche (GBKP)

Die Christlich-Protestantische Karo-Batak-Kirche (GBKP), zu der auch Gemeinden außerhalb Sumatras gehören, befindet sich in der Provinz Sumatra im traditionellen Karo-Batak-Stammesgebiet. Dieses erstreckt sich über das Hochland mit den Zentren Kabanjahe und Berastagi, reicht aber auch bis in die Küstenebenen hinein.

1984 begründete die Synode des Kirchenkreises Herford die Partnerschaft mit dem abgelegenen Kirchenkreis Sinabun der GBKP. Entstanden ist die Karo-Kirche, der heute etwa 325.000 Mitglieder angehören, Ende des 19. Jahrhunderts durch die Arbeit der niederländischen Missionsgesellschaft.

Zigarrenindustrie ebnete Wege

Handelsbeziehungen der Zigarrenindustrie ebneten später auch Missionaren aus Ostwestfalen den Weg nach Sumatra: »Der Tabak aus Sumatra und das berühmte Sumatra-Deckblatt sind also indirekt verantwortlich dafür, dass wir heute eine Beziehung zur Karo-Batak-Kirche haben«, verdeutlicht Pfarrer Johannes Beer. So habe es längere Zeit Kontakte zur GBKP über das Bünder Missionsfest gegeben.

Vom Ausbruch des Vulkans Sinabung sind viele Menschen betroffen – und zunehmend von der Hilfe der Karo-Kirche abhängig. Die GBKP hat eine diakonische Katastrophenhilfe mit 150 Freiwilligen aufgebaut. Sie versorgt Familien mit Behelfsunterkünften, Essen und Kleidung, leistet medizinische Hilfe und Seelsorge.

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