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Förderverein Ortsentwicklung Uffeln zur möglichen ICE-Strecke durch Vlotho

„Erschrocken über Auswirkungen“

Vlotho (WB)

Der Förderverein Ortsentwicklung Uffeln kritisiert die Planungen der Bahn, eine ICE-Neubaustrecke möglicherweise durch Vlotho zu bauen. Vorsitzender Sven Johanning bevorzugt eine Alternative unmittelbar an der Autobahn: In der 40 Meter breiten „Anbauverbotszone“ wäre ausreichend Platz.

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Auf einer knapp 1,5 Kilometer langen Brücke zwischen Buhn und Amtshausberg würde der ICE die Weser in 70 Metern Höhe über dem Klärwerk queren. Foto: Collage Sven Johanning

Die Bahn hat vor ein paar Tagen auf ihrer Homepage Planvarianten für die ICE-Strecke Hannover – Bielefeld veröffentlicht. Zwei der fünf Varianten führen auf identischen Trassen von Uffeln durch den Amtshausberg, am Ortsteil Bonneberg vorbei nach Exterund dann weiter Richtung Herford. Im Interview mit Redaktionsleiter Jürgen Gebhard bewertet der Vorsitzende des Fördervereins Ortsentwicklung Uffeln, Sven Johanning, diese Planungen.

Hatten Sie damit gerechnet, dass eine ICE-Neubautrasse von Hannover nach Bielefeld auch durch Uffeln führen könnte?

Sven Johanning: Der Förderverein Ortsentwicklung Uffeln hat, wie der Vereinsname schon sagt, vornehmlich die Entwicklung von Uffeln vor Augen. Insofern waren wir erschrocken, welche Auswirkungen die ICE-Neubaupläne für Uffeln haben könnten: ein 1,2 Kilometer langer Tunnel durch den Buhn und vor allem eine 1,5 Kilometer lange Brücke im Anschluss an den Tunnel quer über Uffeln und die Weser. Diese Brücke hätte über der Weser eine Höhe von 70 Metern. Zum Vergleich: Die Weserbrücke hat eine Höhe von etwa 15 Metern über der Weser.

Aber nicht nur Uffeln wäre von dieser Planung betroffen, sondern ganz Vlotho...

Johanning: Von der etwa elf Kilometer langen Neubaustrecke im Stadtgebiet wären allein etwa 10 Kilometer durch Tunnel oder Talbrücken geprägt. Auch Exter würde zum Beispiel mit einer etwa 1,2 Kilometer langen Talbrücke überspannt. Mit 300 km/h gibt das für die Fahrgäste gut zehn Sekunden besten Blick auf Exter und Uffeln. Anders herum gibt das von uns 365 Tage im Jahr besten Blick auf die Brücken.

Die Bahn argumentiert mit der Mobiltätswende und dem Deutschlandtakt. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Johanning: Die Strecke durch Vlotho würde für diese Bauwerke 642 Millionen Euro kosten, gut 13 Prozent der gesamten Neubaustrecke von etwa 4,9 Milliarden Euro zwischen Bielefeld und Hannover. Das alles, damit die Fahrzeit auf dieser Strecke von derzeit etwa 48 Minuten auf 31 Minuten verkürzt wird – für den idealen Deutschlandtakt. Wir alle wollen eine Mobilitätswende. Verkehre müssen verlagert werden. Die A2 ist ständig überlastet und Güter gehören mehr auf die Bahn. Die fahren aber nicht mit dem ICE. Ein wesentliches Ziel des Bundes ist es, den innerdeutschen Flugverkehr zu verringern. Durch die Schnellbaustrecken soll das erreicht werden. So soll die Fahrzeit von Düsseldorf nach Berlin von heute 4,5 Stunden auf 3,5 Stunden verkürzt werden. Die Flugzeit beträgt hierfür 1 Stunde 15 Minuten und Tickets gibt es ab 39 Euro. Dazu kommen natürlich noch die Fahrt zum Flugplatz und die Zeiten für das Ein- und Auschecken, aber zum Bahnhof muss man auch erst mal hinkommen.

Profitieren nicht aber auch die Menschen in Uffeln und in ganz Vlotho von schnelleren ICE-Verbindungen?

Johanning: Es stellt sich die Frage, wer bislang die Inlandsflüge nutzt und auf den ICE umsteigen soll. Wer will morgens nach Berlin fliegen, einen Termin wahrnehmen und abends wieder zu Hause sein – das sind ja wohl vornehmlich Geschäftsleute. Die Pandemie zeigt uns doch, dass es auch anders geht. Videokonferenzen, Homeoffice – die ganze Arbeitswelt verändert sich. Die „normalen“ Menschen in Vlotho haben kaum etwas von diesen schnelleren Bahnverbindungen. Der ICE rast mit Tempo 300 durch Vlotho. Der nächste Halt ist Bielefeld beziehungsweise Hannover.

Also brauchen wir in Deutschland überhaupt keine leistungsfähigere Bahn?

Johanning: Natürlich muss die Bahn leistungsfähiger werden und dafür müssen die Strecken ausgebaut werden. Der Fahrgastverband Pro Bahn hat bewirkt, dass zu der Neubaustrecke (Variante 5) noch eine weitere untersucht werden muss. Die Variante 3 verläuft weitestgehend entlang der A2 und schleift an den Weserbrücken in Bad Oeynhausen wieder in die vorhandene Strecke ein. Entlang der A2 hätte das eine Trassenbündelung zur Folge, welche auch positive Auswirkungen auf Anlieger der A2 haben könnte, die heute noch keinen Lärmschutz haben. Durch diese wesentliche Änderung wären dann wohl die Anspruchsvoraussetzungen dafür gegeben.Übrigens besteht beidseitig der A2 eine jeweils 40 Meter breite Anbauverbotszone, genügend Platz also für eine zweigleisige Strecke.

Die Fahrzeit auf dieser Variante wäre aber um etwa fünf Minuten länger...

Johanning: ...würde aber nach Berechnungen des Fahrgastverbandes Pro Bahn den Deutschlandtakt nicht verhindern.

Wir beurteilen Sie die Eingriffe in die Natur, die der Bau dieses Großprojekt mit sich bringen würde?

Johanning: Zu den Eingriffen in die Naturgehört auch die Lärmbelästigung. Wie werden wir vor dem Zuglärm geschützt? Wasserflächen wie die Weser oder der große Kiesteich übertragen den Lärm über weite Strecken. Das andere ist die Bauphase. Dieser Streckenbau wird viele Jahre dauern. Allein für die fast sechs Kilometer langen Tunnel durch das Stadtgebiet müssen etwa 500.000 Kubikmeter Boden und Fels ausgebaut und vor allem auch abgefahren werden. Das sind gut 32.000 Vierachser-LKW-Ladungen – die müssen auch irgendwo lang fahren. Für die Talbrücken müssen Baustraßen angelegt werden. Das sind alles Eingriffe, die für eine lange Zeit Wunden in Vlotho hinterlassen werden. Es gibt Alternativen, die Vlotho nicht auf links drehen.

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