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Eugen Stork spritzte sich 13 Jahre Heroin, bis er den Weg zu Gott fand – Jetzt leitet er die Herforder Suchthilfe

Ex-Junkie betreut Drogenkranke

Herford (WB)

Heroin, Kokain, Methadon: Bis zu sieben Gramm dieser harten Drogen jagte sich Eugen Stork täglich in seine Venen. 13 Jahre hing er an der Nadel. Und beinahe wäre er daran zerbrochen. Doch er fand einen Ausweg.

Moritz Winde

Auch privat hat Eugen Stork sein Glück gefunden: Mit Ehefrau Eveline (38) und den Töchtern Madleen (11) und Melina (9) lebt er Tür an Tür mit den Suchtkranken. Den Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen, sei seine Lebensaufgabe, sagt der 44-Jährige. Foto: Moritz Winde

Heute opfert sich der 44-Jährige selbst für Suchtkranke auf. Eine Geschichte über Tod, Trauer und einem scheinbar nie endenden Teufelskreis, aber auch voller Hoffnung.

An seinen ersten Schuss kann sich Eugen Stork noch genau erinnern, damals 1993 als Jugendlicher in seiner Geburtsstadt Tscheljabinsk im Ural. „Es war alles egal, ein Zustand völliger Schwerelosigkeit.“

Die Sowjetunion ist gerade zusammengebrochen, es herrscht Chaos. Überall Armut. Rauschgift überschwemmt das Land. „Ich hatte meine Ausbildungsstelle als Kranführer verloren. Keiner wusste, wie es weiterging. Da haben wir uns Opium gespritzt – aus Neugierde und Langeweile.“

Vom Rausch beseelt – „ohne Drogen fühlte ich eine innere Leere“ – gerät Eugen Storks normales und behütetes Leben aus den Fugen. Kein Job, kein Geld, keine Perspektive – und ein stetig steigender Suchtdruck. Es dauert nicht lange und der junge Mann wird kriminell. „Wir haben Autos aufgebrochen und alles verkauft. Wir brauchten ja Geld für die Drogen.“

Jahrelang geht das gut: Bis Eugen Stork im Dezember 1994 bei einer Razzia in seinem Zuhause von Spezialkräften festgenommen wird. Der 18-Jährige wird ins Militär überführt, ein halbes Jahr später findet er sich in Grosny wieder, als Soldat mitten im Tschetschenien-Krieg. „Ich war als Wachtposten in der Nacht eingeteilt. Als es hell wurde, lagen auf der Straße neun Leichen. Dieses schreckliche Bild vergesse ich nie“, sagt Eugen Stork. Ein traumatisches Erlebnis, das er versucht, mit Drogen zu verdrängen.

Eugen Stork als 18-jähriger Soldat. Seine gläsernen Augen verraten: „Ich stand unter dem Einfluss von Drogen.“ Foto: Moritz Winde

Sechs Wochen später erspart ihm ein Beinahe-Blinddarm-Durchbruch weitere Einsätze im bewaffneten Konflikt. Er wird operiert, erholt sich und schwört, die Finger von Betäubungsmitteln zu lassen. Doch seine Drogenkarriere soll erst richtig Fahrt aufnehmen.

1996 wird der Ausreise-Antrag der Familie genehmigt. Eltern und die zwei Kinder kommen nach Koblenz. Neues Umfeld, neue Sprache, neue Herausforderung Integration: „Ich war gefangen in mir selbst. Erst später habe ich verstanden, dass ich das Menschsein Stück für Stück verloren habe.“ 200 Euro muss Eugen Stork Anfang der 2000er Jahre jeden Tag für Heroin und Co. aufbringen, meist illegal. Zigmal wird er verurteilt, haarscharf entgeht er einer Gefängnisstrafe.

Als er ganz unten ist, trifft seine Mutter eine Entscheidung, die „mir vermutlich das Leben gerettet hat“. Ihre Worte haben sich in Eugen Storks Gedächtnis eingebrannt: „Mein Junge, ich liebe dich von ganzem Herzen, aber ab heute muss ich uns vor dir schützen.“

Die Mama setzt ihren Sohn in den Zug. Ziel ist die Gefährdetenhilfe „Lebendige Hoffnung“ in Herford. Die evangelische Freikirche hat es sich zur Aufgabe gemacht, suchtkranken Menschen zu helfen. „Ich hatte schon unzählige staatliche Entgiftungen hinter mir. Dies war sozusagen meine letzte Chance.“

Die Christengemeinde schafft das, woran Therapeuten gescheitert sind. Eugen Stork wird von jetzt auf gleich clean. „Ich hatte endlich einen Platz im Leben gefunden. Meine Seele war auf einmal satt. Der Glaube an Jesus Christus hat mir unendlich geholfen und ist zu meinem Lebensinhalt geworden“, sagt er.

Der Ex-Junkie, der für ein paar Krümel Drogen „seine Freunde und Familie verraten hätte“, leitet mittlerweile selbst die Suchthilfe, die an der Hohen Warth hinter der Autobahnpolizei zu Hause ist. Seine Berufung beschreibt er so: „Aus Nächstenliebe versuchen wir straffälligen und suchtkranken Menschen bei der Wiedereingliederung zu helfen.“

Die Angebote stehen allen offen – unabhängig von Nationalität, Geschlecht und Religion. Der Verein als Zweckbetrieb finanziert sich durch Auftragsarbeiten und Spenden.

Derzeit kümmert sich das Team um acht ehemalige Abhängige, die in Wohngemeinschaften zusammen leben. Trotz aller Anstrengungen gelingt es nicht allen, langfristig drogenfrei zu leben. „Die Hoffnung aber geben wir nicht auf. Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern.“

Wer könnte das besser wissen als Eugen Stork?

Blick in die Bibel: Patrick Langer (35) lebt seit sieben Monaten bei der Gefährdetenhilfe. Zuvor konsumierte er 18 Jahre lang Drogen, erst Cannabis, dann Amphetamine. Ohne die Unterstützung des Vereins hätte er den Absprung nicht geschafft, sagt er. Foto: Moritz Winde
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