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Heiner Wemhöner schenkt Museum Kunstwerk – alten Tanzsaal für Ausstellungen gekauft

Geldautomat in Berliner Mauer

Herford/Berlin (WB). Die Berliner Mauer ist Geschichte – und lebt als Touristenattraktion in Einzelstücken doch weiter. Zwei Künstler haben aus einem Mauerteil sogar ein Kunstwerk gemacht – ein Kunstwerk, das der Sammler Heiner Wemhöner dem Hamburger Bahnhof geschenkt hat.

Hartmut Horstmann

Die Beiläufigkeit ist Programm: Passanten, die zielstrebig in Richtung Museum gehen, nehmen das Kunstwerk auf den ersten Blick nicht unbedingt wahr. Dem Schenker Heiner Wemhöner gefällt diese Art der Präsentation. Allerdings sollen die Fahrradständer verschwinden. Als schwierig erwies es sich für die Künstler, ein graffitifreies Mauerstück zu finden. Foto: Hartmut Horstmann

Künstlerischer Humor

Das Museum Hamburger Bahnhof zählt zu den bekanntesten Ausstellungshäusern in Berlin. Zur Zeit ist dort die sehr kontrovers diskutierte Emil-Nolde-Ausstellung zu sehen. Und wer auf das in der Nähe des Hauptbahnhofs gelegene Museum zuschreitet, geht auch an dem Mauerstück vorbei – möglicherweise, ohne es näher zu beachten.

Dann vielleicht ein erstes Stutzen, denn in dem beiläufig zwischen zwei Fahrradständern postierten Mauerstück befindet sich ein Geldautomat. Kein funktionierender natürlich, aber immerhin täuschend echt – und auf jeden Fall Ausdruck eines künstlerischen Humors, der dem Herforder Sammler und Unternehmer Heiner Wemhöner zusagt.

Alte Ost-West-Teilung

Als der Herforder die Arbeit des norwegischen Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset auf der Kunstmesse Art Basel zum ersten Mal sah, war er sofort begeistert. »Das ist ein Humor, der zu Berlin passt«, meint Heiner Wemhöner. Gleichzeitig sieht er in der Verbindung von Mauer und Geldautomat ein Sinnbild für die alte Ost-West-Teilung: »Die Wessis stopfen die Kohle rein und die Ossis holen sie sich raus.« Das Geld steht so für den West-Kapitalismus, die Mauer erinnert an den DDR-Sozialismus.

Die Begeisterung für die Schwergewichts-Kunst war geweckt, doch was tun? Für den Herforder war sofort klar, dass die Arbeit nicht an irgendeinen Sammler an irgendeinen Ort dieser Welt verkauft werden darf: »Sie gehört nach Berlin.« Dem Galeristen Johann König sagte Wemhöner, er brauche das Mauerstück für seine eigene Sammlung nicht. Wenn sich in Berlin aber ein geeigneter Ort finde, sei er dabei.

Freunde der Nationalgalerie

Auch die beiden Künstler waren einverstanden – und so verging einige Zeit, bis der entscheidende Kontakt zu den Verantwortlichen der Nationalgalerie Berlin hergestellt war. Zu deren Ausstellungshäusern zählt auch der Hamburger Bahnhof, so dass Wemhöner die Arbeit kaufte und den Freunden der Nationalgalerie schenkte.

Zu dem vom Sammler geschätzten Humor passt, dass die Künstler ihr Werk »Statue of Liberty« genannt haben – in ironischer Anlehnung an die Freiheitsstatue in New York. Viele Gespräche hat der Sammler, der in Berlin einen Zweitwohnsitz hat, mit den Norwegern geführt.

Bei Besuchen in ihrem Atelier in Neukölln erfuhr er unter anderem, dass es besonders schwer war, ein graffitifreies Mauerstück zu finden. Seit Ende Juni steht es am Hamburger Bahnhof – flankiert von Fahrradständern, die laut Wemhöner noch entfernt werden sollen.

Alter Tanzsaal in Kreuzberg

Schenkung und Präsentation an einem derart prominenten Ort zeigen, dass der Herforder in Berlin angekommen ist. Er liebt die Stadt und ihre Kunst – und kann endlich Vollzug anmelden, was die Suche nach dauerhaften Ausstellungsräumen angeht: Ein ehemaliger Tanzsaal am Hermannsplatz in Kreuzberg, nicht weit vom Karstadt entfernt, erwies sich als besonders geeignet.

Der Sammler schwärmt von den »tollen Räumen«. Ein Ort mit Tanzgeschichte, der 650 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfasst – bei einer Deckenhöhe von 14 Metern. Genügend Platz also, um einen Teil seiner Sammlung (etwa 1300 Exponate) präsentieren zu können.

Bei der Berliner »Collection Night« am 23. August sollen die Räume erstmals vorgestellt werden. Was die erste Ausstellung angeht, so hofft Wemhöner auf einen Termin im Frühjahr 2021. Doch bei aller Euphorie hütet er sich vor zu viel Optimismus: »In Berlin dauert alles etwas länger.«

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