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Superintendent Olaf Reinmuth spricht übers Weihnachtsfest in Coronazeiten

„Gottesdienste könnten draußen stattfinden“

Herford (WB). Weihnachten naht – und damit auch die Frage, wie die Kirchengemeinden in Coronazeiten mit dem Fest umgehen. Über dieses Thema spricht Hartmut Horstmann mit dem neuen Superintendenten Dr. Olaf Reinmuth.

Superintendent Olaf Reinmuth an seinem neuen Arbeitsplatz im Kreiskirchenamt: Im Interview geht es um die Planungen zum Weihnachtsfest, das Kirchenleben in Coronazeiten und die Haltung der Kirche zum Muezzinruf. Foto: Hartmut Horstmann

Weiterhin geht es in dem Interview um seine ersten Wochen im Amt – um die Umstellung, nicht mehr am Sonntag auf der Kanzel zu stehen. Auch zum Muezzin-Ruf der Ditib-Gemeinde äußert sich Olaf Reinmuth. Und kündigt an, mit der Gemeinde in einen Dialog treten zu wollen.

Sie sind im August zum Superintendenten gewählt worden. Wie hat sich Ihr Leben seit der Wahl verändert?

Dr. Olaf Reinmuth : Nach gerade einmal sechs Wochen muss man erst mal schauen. Am Anfang war ich sehr überrascht, dass es auf der Synode so schnell gegangen ist. Denn ich hatte mich auf mehrere Wahlgänge eingestellt. Die Freude stellte sich dann erst später ein. Zwei Wochen nach der Wahl kam dann schon die Einführung, so dass für den Abschied von der Gemeinde erst danach Zeit war. Aber ich kann über meinen neuen Arbeitsplatz sagen: Ich bin gerne hier.

Präses Annette Kurschus hat bei Ihrer Einführung angedeutet, dass sich mit dem neuen Amt auch das Verhältnis zu Bekannten verändern wird. „Im vertrauten Kreis werden Sie plötzlich der Andere sein.“ Hat sich diese Prognose bewahrheitet?

Reinmuth: Der Rollenwechsel ist mir schnell deutlich geworden. Ich wurde und werde getragen durch den Zuspruch von Ehrenamtlichen und Kollegen, die mir Glückwünsche ausrichten. Damit zeigen sie mir auch, dass ich ihr Vorgesetzter bin. Von Anfang an war diese Rolle klar: Ich bin der neue Chef.

Nicht jeder im Kirchenkreis Herford kennt Sie persönlich. Sind Sie in den einzelnen Gemeinden viel unterwegs?

Reinmuth : Ich versuche viele Termine wahrzunehmen, bin oft unterwegs. So habe ich beispielsweise in Dünne an einem Gottesdienst teilgenommen, bei dem Ehrenamtliche eingeführt worden sind. Danach gab es noch einen Empfang. So versuche ich mir ein Netz von Leuten zu erarbeiten, ich führe auch gerne Kleingespräche. Dabei ist es in Coronazeiten schwieriger, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Fehlen Ihnen die sonntäglichen Predigten?

Reinmuth : Ich halte mindestens so viele Andachten wie vorher. Diese Ansprachen auf Terminen haben vielleicht die Länge einer halben Sonntagspredigt und enthalten geistliche Inhalte. So etwas mache ich mehrmals in der Woche oder auch samstags – nur eben nicht am Sonntag.

Besuchen Sie auch Gottesdienste?

Reinmuth : Das habe ich vor. Ich bin Mitglied der Gemeinde Herford-Mitte, will aber auch woanders Gottesdienste besuchen. Allerdings würde ich das vorher anmelden – das hätte sonst so etwas von Controlling.

Das öffentliche Leben ist weiterhin von Corona geprägt. Was ist Ihr Eindruck, wie wirkt sich die Pandemie auf den Besuch der Gottesdienste aus?

Reinmuth: Seit die Menschen nicht mehr singen dürfen, hat sich die Teilnehmerzahl deutlich reduziert. Zum Glück gibt es einige Ideen, der Corona-Pandemie mit Fantasie zu begegnen. Hierzu zähle ich Sologesang in Gottesdiensten oder mehr Instrumentalmusik. Auch die Bewegung in den Gottesdiensten mit Sitzen und Aufstehen sorgt für Abwechslung. Aber natürlich habe ich Verständnis dafür, dass Leute Angst haben. Denn unser Zielpublikum zählt zur Risikogruppe. Von vielen höre ich, dass sie sich Fernsehgottesdienste anschauen.

Die vielleicht größte Herausforderung der nächsten Zeit ist das Weihnachtsfest. Dann sind die Kirchen in normalen Zeiten voll. Haben Sie schon eine Idee, wie Sie damit umgehen wollen?

Reinmuth : Es gibt da einiges an Planungen. Details sollen an dieser Stelle noch nicht verraten werden, denn die Herforder Kirchengemeinden wollen ihr Weihnachtsprogramm Ende Oktober gemeinsam vorstellen. Grundsätzlich gilt, dass die besonders stark besuchten Familiengottesdienste am Heiligabend öfter und dafür kürzer stattfinden sollen – und wahrscheinlich auch draußen, ob vor der Kirche oder auf einem anderen Platz. Diese Überlegungen beziehen sich auf die Gottesdienste ab 16 Uhr. Die Erwachsenen-Gottesdienste ab 18 Uhr werden wohl wieder in den Kirchen abgehalten. Ich bin insgesamt zuversichtlich, dass wir das alles gut überstehen. Wir lassen uns etwas einfallen, denn es geht auch darum, ein Lebenszeichen zu senden.

Haben Sie unabhängig von den Problemen das Gefühl, dass die Krise auch eine Chance sein könnte? Dass die Menschen in der Religion nach Geborgenheit suchen?

Reinmuth: Viele haben die Chance erkannt, nach neuen Wegen des Kontaktes zu suchen. Gottesdienste werden gestreamt zum Beispiel. Kanäle wie Youtube in der ganzen Bandbreite zu nutzen – das wird bleiben. Trotzdem erleben wir die Notwendigkeit persönlicher Begegnungen. Auch wenn Berührungen nicht möglich sind, erkennen wir ein großes Bedürfnis nach Leiblichkeit. Es ist daher wichtig, dass wir nicht nur digital präsent sind.

Ein wichtiges Thema der Zukunft ist auch die Haltung zu anderen Religionen und ihrer Ausübung – Stichwort Muezzin-Ruf. Welche Einstellung haben Sie dazu?

Reinmuth : Die Religionsfreiheit ist ein ganz wichtiger Punkt. Das gilt auch für den Muezzin-Ruf, denn auch andere Religionen müssen die Möglichkeiten haben, sich zu äußern. Da war die Entscheidung des Bürgermeisters fast zwangsläufig. Es geht jetzt darum, in einen konstruktiv-kritischen Dialog mit der Ditib-Gemeinde zu kommen. Das Eintreten für Toleranz bedeutet aber nicht, dass ich als Christ nicht am Wahrheitsanspruch meiner Religion festhalte. So heißt es: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Nur muss ich eben auch anderen Religionen ihre Glaubensansicht lassen.

Werden Sie den Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften suchen?

Reinmuth: Auf jeden Fall. So habe ich schon mit Herrn Professor Kellig von der jüdischen Gemeinde gesprochen. Hier besteht natürlich eine große religiöse Nähe. Aber auch zur Ditib-Gemeinde werde ich den Kontakt suchen. Bei den schon erwähnten konstruktiv-kritischen Gesprächen geht es auch darum, die Abhängigkeit der Gemeinde von der Türkei zu hinterfragen.

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