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Geld für Teilhabe von Kindern aus Hartz-IV-Familien wird im Kreis Herford selten in Anspruch genommen

Gut gemeint, kaum genutzt

Herford (WB). Familien, die von Hartz IV leben, greifen nur selten auf die gesonderte Förderung für Kinder zurück, damit diese an Sport, Spiel und Kultur teilhaben können wie ihre Altersgenossen. Im Kreis Herford profitiert davon nur jedes zehnte betroffene Kind.

Bernd Bexte

Ob Sport im Verein, Essen in der Schulmensa (Foto), Klassenausflüge oder Nachhilfe: Mit dem Bildungs- und Teilhabepaket soll Kindern aus Hartz-IV-Familien ermöglicht werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen – so wie ihre Altersgenossen. Viele Betroffene nehmen die Förderung aber nicht in Anspruch. Foto: dpa

Vor achteinhalb Jahren hatte die Bundesregierung das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket geschnürt, damit Kinder, die von Transferleistungen leben, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können: Monatlich zehn Euro – seit August sind es im Zuge des »Starke-Familien-Gesetzes« 15 Euro – sollten etwa die Mitgliedschaft in einem Sportverein sichern, aber auch die Teilnahme an Schulausflügen oder das Mittagessen in Kita und Schule. Die tatsächlichen Aufwendungen müssen die Leistungsberechtigten nachweisen.

307 Kinder profitierten im vergangenen Jahr

Die Teilnahmebilanz ist ernüchternd, wie eine aktuelle Übersicht des Päritätischen Wohlfahrtsverbandes belegt. Er hatte NRW-weit die Inanspruchnahme dieser Fördermöglichkeit in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften (Arbeitslosengeld II) abgefragt. Demnach lag die Quote für den Kreis Herford im vergangenen Jahr bei gerade einmal 10,8 Prozent. Das heißt, dass statistisch nur gut jedes zehnte Kind (sechs bis 15 Jahre), das einen Anspruch auf die Teilhabeförderung hatte, diese auch in Anspruch nahm.

In Zahlen bedeutet das: Von 2840 in Hartz-IV-Familien lebenden Kindern hatten 307 vom Teilhabepaket profitiert. Der Kreis Herford ist mit der geringen Quote in bester Gesellschaft. Landesweit liegt sie bei lediglich 15 Prozent. »Ein Armutszeugnis«, meint Christian Woltering, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW.

Behörden weisen auf Angebot hin

Aber warum wird dieses Geld nur selten abgerufen? »Einen bestimmten Grund können wir nicht nennen«, sagt Stephanie Hinz vom zuständigen Amt für Soziale Leistungen beim Kreis Herford. Die Behörden weisen auf die Möglichkeiten des Bildungs- und Teilhabepaketes hin. Nicht nur Hartz-IV-Bezieher, auch wer Sozialhilfe, Wohngeld oder einen Kindergeldzuschlag erhält, hat hierauf einen Anspruch.

Das Herforder Jobcenter hat ebenfalls keine schlüssige Erklärung parat. An der mangelnden Information könne es jedenfalls nicht liegen. »Leistungsberechtigte werden bei der Beratung über das Bildungspaket informiert«, sagt Sprecherin Inken Quebe. Einen Hinweis auf das Angebot enthalte auch der Hauptantrag, zudem würden Flyer ausgehändigt. Zusätzlich würben Schulsozialarbeiter, Beratungsstellen und Schulen für das Bildungspaket.

»Viel zu bürokratisch«

Für Frank Riedel von der Erwerbslosenberatung des Diakonischen Werkes Herford ist die mäßige Resonanz auf das Bildungs- und Teilhabepaket allerdings keine Überraschung: »Anstatt den Eltern das Geld direkt zu geben, hat der Bund damals Sachleistungen eingeführt und ein Antragsverfahren dazwischengeschaltet. Daran scheitern viele, zum Beispiel Eltern, die die deutsche Sprache noch nicht so gut sprechen.«

Viele wüssten auch nicht, dass neben dem eigentlichen Antrag eine Bescheinigung des jeweiligen Vereins oder der Schule einzureichen seien. »Das alles ist eine große bürokratische Hürde.« Riedel sieht das seit August greifende »Starke-Familien-Gesetz« hingegen positiv. Es gewähre den Leistungsempfängern zumindest etwas mehr Geld bei etwas weniger bürokratischem Aufwand.

268 Euro pro Kopf und Jahr

Amtsleiterin Stephanie Hinz will die Teilnahmequoten am Bildungs- und Teilhabepaket aber auch nicht überbewertet wissen. »Damit soll nicht gesagt sein, dass es dabei keine Optimierungsmöglichkeiten gibt.« Es müsse aber berücksichtigt werden – und dies räume die Studie ein – , ob es vor Ort gegebenenfalls andere vorrangige Angebote gebe, so dass das Bildungs- und Teilhabepaket nur ergänzend wirke.

Die im Kreis Herford abgerufenen Leistungen werden laut Verwaltung vor allem für die Mittagsverpflegung, Klassenfahrten und Ausflüge in Schule oder Kita, aber auch für die Lernförderung genutzt.

Weitere Kosten werden übernommen, wenn die Aufwendungen im Einzelfall mit der Pauschale oder dem Regelsatz nicht gedeckt werden können. So beliefen sich im vergangenen Jahr die Ausgaben für das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahren im Hartz-IV-Bezug im Kreis Herford auf 268 Euro pro Kopf.

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