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Aus Frust entsteht Kreativität: Draffoh Rheinmann und seine Art, Corona zu bewältigen

Herfords erster Klopapier-Künstler

Herford (WB)

Die meisten Menschen nutzen es, um den Toilettengang zu einem guten, weil sauberen Abschluss zu bringen. Draffoh Rheinmann indes hat für das Klopapier eine weitere Verwendung gefunden: Er bemalt es.

Hartmut Horstmann

Draffoh Rheinmann, neben ihm Klopapier-Rollen, für die er mindestens zwei Verwendungszwecke hat. Foto:

Viele Zeitgenossen werden sich kaum noch daran erinnern: Aber es gab auch eine Zeit vor Corona. Zu den ersten Auswirkungen der Pandemie in den Supermärkten zählten die leeren Regale. Nicht zuletzt das Klopapier, welches zuvor eher die Rolle eines unbeachteten Mauerblümchens innehatte, entwickelte sich zum Verkaufsrenner.

Die Nachfrage schien den Nachschub zu übersteigen – und da Kunst oft aus einem Mangel geboren wird, schlägt hier die Geburtsstunde des Klopapier-Künstlers Rheinmann. Zwar war es ihm gelungen, eine 10er-Packung des seinerzeit kostbaren Gutes zu erwerben, doch merkte der 67-Jährige schnell, dass das geglückte Leben nicht vom Klopapier-Besitz abhängt: „Aus Frust habe ich angefangen, ein Blatt zu bemalen.“

Passend zum Material und zur Stimmung war es ein Haufen Sch... – im Anschluss weitete der Herforder sein Spektrum in puncto Farbigkeit und Motive deutlich aus, sodass er seit März etwa 110 Blatt gestaltet hat.

Die Farbigkeit der Bilder auf einem vergleichsweise tristen Material wirkt wie eine innere Kampfansage an Corona und die damit verbundenen Beschränkungen. Ein Aborigine lässt ans ferne Australien denken, eine Jägerin mit Lanze in der Hand an den Dschungel. Alles derzeit noch weiter weg als sonst. Aber Rheinmanns Herz schlägt auch für die heimischen Gefilde. So hat es der Gänsebrunnen in der Radewig ebenso bis aufs Toilettenpapier gebracht.

Im März hat der 67-Jährige mit seinem ungewöhnlichen Hobby begonnen. Im Laufe der Zeit merkte er, dass sich das dreilagige Klopapier eines bestimmten Discounters besonders gut eignet.

Mittlerweile benutzt Draffoh Rheinmann zum Malen/Zeichnen Filzstifte. Dabei müsse man immer sehr vorsichtig sein, denn das Material sei verletzlich, erklärt er. Ja, nach Monaten des Experimentierens ist der Herforder nicht nur Lebensphilosoph, sondern auch Klopapier-Kenner genug, um sagen zu können: „Jedes Blatt ist anders.“

Etwa zwei bis drei Stunden benötigt er für ein Bild. Ist es fertig, wird es in eine Folie gelegt – und so Bestandteil einer wachsenden Sammlung.

Solange Corona den Alltag mitbestimmt, wird weitergemacht. Nicht nur das Material Klopapier verweist auf die Pandemie – Rheinmann, der mit bürgerlichem Namen Reinhard Hoffmann heißt, sieht das Zeichnen auch als Strategie, Corona zu bewältigen. Es gehe darum, Zeit und Isolation kreativ zu überbrücken.

Auch in literarischer Hinsicht ist der Rentner tätig. So schreibt er Lyrik und Kurzgeschichten. Am Anfang von Corona hat Rheinmann zudem wie viele andere auch regelmäßig musiziert. Punkt 18 Uhr ließ er im Garten auf einer Mundharmonika Beethovens „Ode an die Freude“ erklingen. Doch als ehemaliger Beamter habe er die Sache so ernst genommen, dass er glaubte, jeden Abend spielen zu müssen: „Wenn ich irgendwo war, musste ich immer rechtzeitig wieder wegfahren. Das wurde Stress.“

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