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Angst vor dem Brexit: Termine für Einbürgerungstests werden knapp

»Ich werde Deutsch-Brite«

Herford (WB).  Briten, die aus Angst vor einem harten Brexit am 29. März schnell noch Deutsche werden wollen, haben kaum noch eine Chance: Die Termine für den vorgeschriebenen Einbürgerungstest sind vielerorts aus­gebucht.

Christian Althoff

Alan Tallis ist Hausmeister des Herforder Rathauses. Er wartet auf seine Einbürgerungsurkunde. Foto: Christian Althoff

Jürgen Nienaber, bei der Stadt Herford für Einbürgerungen zuständig, sagt: »Menschen aus der EU, die wir einbürgern, behalten ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit. Sie haben dann zwei Pässe.« Doch im Fall eines ungeregelten Brexits seien Briten nach dem 29. März keine EU-Bürger mehr. Sie müssten dann eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, um überhaupt in Deutschland leben zu dürfen, und sie brauchten eine Arbeitserlaubnis. Und im Fall einer Einbürgerung müssten sie ihren britischen Pass abgeben.

»Viele Briten haben lange Zeit nicht geglaubt, dass ein harter Brexit kommen könnte. Sie geraten jetzt unter Zeitdruck«, sagt Nienaber. Im vergangenen Jahr seien in Herford nur 14 Briten eingebürgert worden. »In den ersten sieben Wochen dieses Jahres sind dagegen schon 20 Anträge eingegangen, und täglich kommen neue dazu.« Das bestätigt Thomas Fuest, Sprecher des Kreises Höxter: »2018 haben wir zwölf Briten eingebürgert. Genauso viele Anträge sind seit Jahresanfang bei uns eingegangen, und weitere sind angekündigt. Man kann von einem ›Run‹ auf die deutsche Staatsbürgerschaft sprechen.«

»Ich brauche diese kleinen Würstchen«

Auf dem Stapel im Herforder Ausländeramt liegen auch die Unterlagen von Alan Tallis (59). Der Engländer kam vor fast 50 Jahren mit seinen Eltern nach Ostwestfalen. »Mein Vater war bei der Rheinarmee in Lübbecke und Bünde stationiert.« Die Eltern kehrten in ihre Heimat zurück, Alan Tallis blieb und arbeitet seit vielen Jahren als Hausmeister im Herforder Rathaus. Obwohl er fast sein ganzes Leben in Ostwestfalen verbracht hat, fließt britisches Blut in seinen Adern. »Zweimal im Monat kaufe ich in Lübbecke in einem britischen Laden ein. Ich brauche diese kleinen Würstchen zum Frühstück«, sagt Tallis und lacht. Er vermisst die Kneipenkultur seiner Heimat und fiebert mit Leeds United. Aber auch auf der Alm ist er zu finden: »Ich bin seit den 80ern auch Arminia-Fan.«

Wer wie Alan Tallis die deutsche Staatsbürgerschaft haben möchte, muss bis zum 29. März alle Unterlagen für die Einbürgerung abgegeben haben. Dazu gehören der Nachweis, seit mindestens acht Jahren in Deutschland zu leben, ein britischer Pass, die Geburtsurkunde, ein erfolgreich bestandener Deutschtest auf dem Niveau B 1 (»selbstständige Verwendung der deutschen Sprache«) und ein bestandener Einbürgerungstest. Das Ausländeramt macht zudem Abfragen bei Polizei und Verfassungsschutz.

In Ostwestfalen-Lippe leben 4678 Briten

Mit der Abnahme des Einbürgerungstests hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in NRW die Volkshochschulen beauftragt. Es gibt 310 mögliche Fragen zu Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Menschenrechten, von denen die VHS 33 auswählt. Mindestens 17 müssen richtig beantwortet werden. »Damit hatte bei uns noch kein Brite Schwierigkeiten«, sagt Vera Solke von der VHS Herford. Das Pro­blem seien vielmehr die Prüfungstermine, die jetzt knapp würden. »Es sind schon Briten aus Niedersachsen zu uns gekommen, weil dort alles ausgebucht war«, sagt sie. Früher habe die VHS einen Einbürgerungstest pro Monat angeboten, in diesem Jahr seien es schon 15 gewesen.

In Ostwestfalen-Lippe leben 4678 Briten, die keine Armeeangehörigen sind. 575 von ihnen wurden in den vergangenen beiden Jahren eingebürgert, das sind mehr als zwölf Prozent. Die meisten neuen Deutsch-Briten gab es in diesem Zeitraum im Kreis Paderborn (114), gefolgt vom Kreis Gütersloh (101), dem Kreis Minden-Lübbecke (90), dem Kreis Lippe und der Stadt Bielefeld (je 83), dem Kreis Herford (75) und dem Kreis Höxter (29).

Jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen – für Alan Tallis hat das vor allem praktische Gründe. »Ich möchte EU-Bürger bleiben und ohne Probleme reisen können. Und ich möchte meinen britischen Pass behalten.«

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