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Widerstand gegen geplantes Gewerbegebiet in Herford

„Ich werde niemals verkaufen!“

Herford (WB). Der Widerstand gegen das geplante Gewerbegebiet in Elverdissen wächst: „Hier soll die ganze schöne Natur platt gemacht werden. Aber nicht mit mir! Ich werde nicht klein beigeben!“, sagt Anita Haubrock vehement und blättert in einem dicken Ordner.

Moritz Winde

„Hier soll alles so bleiben, wie es ist“, findet Anita Haubrock. Die Rentnerin steht vor der im 18. Jahrhundert erbauten Deele. Wenn es nach der Stadt Herford geht, sollen Bäume und Haus Platz für einen Gewerbepark machen. Foto: Moritz Winde

In ihm sind sämtliche – das Thema betreffende – Schreiben abgeheftet – auch die Kaufangebote für ihr Grundstück der Stadt. Diese hat die 70-Jährige alle abgelehnt – und will dies auch zukünftig tun. „Solange ich lebe, werde ich nicht verkaufen!“

Seit mehr als einem Jahr versucht die Interkomm – ein Zusammenschluss der Städte Herford, Bielefeld und Bad Salzuflen – fünf Hektar Land an der Straße Auf der Helle zu erwerben. Diese Flächen sollen zu einem Gewerbegebiet umgebaut werden. Die Bezirksregierung Detmold hatte aus planungstechnischer Sicht grünes Licht gegeben.

Doch die Verkaufsverhandlungen kommen nicht so recht voran. „Wir haben uns erst einen Teil des Areals sichern können, etwa 40 Prozent. Wir sagen zwar nicht, alles oder nichts, aber Sinn macht eine Erschließung erst ab mindestens 60 Prozent“, sagt Interkomm-Geschäftsführer Dieter Wulfmeyer, der mit dem Ausbau am liebsten Anfang 2022 beginnen möchte. Ob das aber klappt, ist derzeit eher unwahrscheinlich.

Verhandlungen mit fünf Parteien

Noch ist nämlich völlig unklar, ob die Interkomm überhaupt an die gewünschten Grundstücke kommt, die fünf verschiedenen Parteien gehören. Nach Informationen dieser Zeitung stellen sich mehrere Eigentümer quer.

Dieter Wulfmeyer will bezüglich der preislichen Vorstellungen nicht ins Detail gehen, sagt aber, ein Quadratmeter Acker koste zwischen 3,50 und 4,50 Euro. „Da werden wir sicher noch etwas drauflegen müssen. Aber wir werden nicht um jeden Preis kaufen. Sollten wir nicht zusammenkommen, wird das Buch zugeklappt – so bitter das sein würde.“

Anita Haubrock, die Teil einer Erbengemeinschaft ist, spielt in dieser Geschichte eine entscheidende Bedeutung. Erstens, weil ihre Fläche mit zwei Hektar am größten ist und zweitens, weil sie mitten drin liegt. Das Anfangs-Angebot der Stadt bezeichnet sie als Frechheit. „Die haben 3,70 Euro pro Quadratmeter geboten. Ein Gutachter vom Kreis hat den Wert auf 20 Euro beziffert“, sagt die ehemalige Büroangestellte.

Deele aus dem 18. Jahrhundert

Ums Geld geht es der Rentnerin aber gar nicht. Sie kämpft dafür, dass ihr ländliches Elverdissen so bleibt, wie es ist, mit all dem alten Baumbestand und den historischen Gebäuden. „Unsere Deele stammt aus dem 18. Jahrhundert. Ich verbinde mit diesem Gebäude sehr schöne Erinnerungen. Ich weiß noch, wie ich als kleines Mädchen über den Hof geflitzt bin – und Oma Luise hat zugeschaut. Und das soll jetzt alles dem Erdboden gleich gemacht werden? Das ist doch der helle Wahnsinn!“

Die 70-Jährige kritisiert nicht nur den massiven Eingriff in die Natur. „Die Felder sind verpachtet, sie werden alle noch beackert. Fällt das weg, wird den Bauern die Lebensgrundlage entzogen.“ Zumal – und das bestätigt auch Dieter Wulfmeyer – die Interkomm nicht in der Lage ist, adäquate Tauschflächen anzubieten.

Anita Haubrock und viele weitere Leute aus der Nachbarschaft sind der Meinung, dass es in Elverdissen schon genügend Industriezonen gebe. „Es müssen doch nicht noch weitere Flächen zugepflastert werden.“

Kommentar von Moritz Winde

Wie man es auch dreht und wendet, es ist eine verzwickte Situation: Auf der einen Seite die Anlieger, die den massiven Eingriff in die Natur ablehnen und Angst vor Verkehrslärm und Baudreck haben. Sie wollen sich die ländliche Dorfidylle bewahren, wo sich Fuchs und Hase noch gute Nacht sagen. Angesichts der fortschreitenden Versiegelung der landwirtschaftlichen Flächen ist es wichtig, Rückzugsorte für Flora, Fauna und nicht zuletzt für die Menschen zu schützen.

Auf der anderen Seite die Verwaltung, die darum bemüht sein muss, neue Firmen nach Herford zu lotsen. Und das geht eben nur mit attraktiven Gewerbegebieten. Dadurch entstehen Arbeitsplätze, Familien lassen sich nieder, Steuern fließen. Klar ist, irgendwo muss die Industrie hin: Das Areal Auf der Helle bietet sich an. Platz ist dort reichlich und die Anbindung an die A2 ist ideal.

Klassischer Fall von Interessenkonflikt also, bei dem die Grundstückseigentümer die besseren Karten in der Hand halten. Zum Verkauf kann sie niemand zwingen. Egal, wie diese Geschichte ausgeht, es wird Verlierer geben. Wichtig ist, dass die Verhandlungen fair laufen.

Generationen haben von und mit dem Land gelebt. Das Foto aus den 50er Jahren zeigt die Familie vor dem Bauernhaus. Foto:
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