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Auf IHK-Podium attackiert Herausforderin Dorothee Schuster Landrat Jürgen Müller

Im Denkwerk sprühen die Funken

Herford (HK). Häcker-Küchen baut ein neues, modernes Produktionswerk in Niedersachsen und nicht am Stammsitz in Rödinghausen. Erfolgreiche Wirtschaftsförderung sieht anders aus, darin stimmen beide Kandidaten auf dem Podium der Industrie- und Handelskammer (IHK) zur Landratswahl im Herforder Denkwerk überein.

Stephan Rechlin

Landrats-Anwärterin Dorothee Schuster attackiert den Amtsinhaber, Landrat Jürgen Müller pariert die Vorwürfe seiner Herausforderin. Foto: Stephan Rechlin

Angreiferin Dorothee Schuster (CDU) wirft das dem amtierenden Landrat Jürgen Müller (SPD) vor und bringt so Schwung in das überwiegend von Respekt und Höflichkeit durchtränkte Duell. Doch so flott der Vorwurf formuliert ist, so schwierig sind solche Konflikte in einer Amtszeit zu lösen. Landrat Müller blickt zurück: Die Erweiterungspläne Häckers waren schon zu Zeiten seines Amts-Vorgängers Christian Manz (CDU) bekannt. Während seiner eigenen Amtszeit konnten sich Bünde und Rödinghausen nicht rechtzeitig auf ein passendes Flächenangebot einigen. Als er Häcker keine Zusage zum Neubaustart am 1. Januar 2021 geben konnte, fiel die Entscheidung für Niedersachsen. Schwupp, so schnell geht das.

Doch welche Konsequenzen die beiden Kandidaten daraus ziehen, blieb auf dem Podium leider offen. Der Gewerbeflächenmangel spielte nur am Rande eine Rolle, ist ja auch ein sensibles Thema, bei dem es schnell mal in die Tiefe könnte, wenn auf Versiegelung, Anwohnerproteste oder den Verbrauch landwirtschaftlicher Äcker einzugehen ist. Inhaltliche Tiefe aber kostet Zeit bei solchen Veranstaltungen.

Moderatorin Solveig Münstermann (WDR) hatte nicht nur die beiden Kandidaten anzustacheln, sondern musste auch die IHK-Präsidiumsmitglieder Oliver Flaskämper und Dr. Klaus Bockermann sowie Vollversammlungsmitglied Tanja Maaß mit in die Debatte einbeziehen. Deren überwiegende Verankerung in der IT-Branche und die Corona-Pandemie lenkten den Schwerpunkt auf Digitalisierung und Breitbandausbau.

Die alte Leier

Angriffslustig stellte Dorothee Schuster fest, dass sie Müllers ständige Leier, warum es bis heute keinen flächendeckenden Breitbandausbau im Kreis Herford gebe, nicht mehr hören könne: „Mit einem oder zwei Experten im Kreishaus wäre längst schon was passiert.“ Ein Vorwurf, den Müller mit dem Hinweis konterte, dass auch Kreisverwaltungen mit solchen Experten keinen Mbit weiterkommen, solange der Bund ständig seine Förderrichtlinien ändere und deshalb immer neue Anträge zu stellen seien: „Wir versuchen seit 2017, an die uns zugesicherten 53 Millionen Euro zu kommen.“ Immerhin: Zum Jahresende könnte es losgehen.

Digitalisierung beginnt an den Schulen – darin sind sich beide Kandidaten einig. Schuster warnt vor einer von ihr bereits beobachteten Überforderung der Eltern. Jürgen Müller sieht den zweiten Investitions-Schwerpunkt auf dem Herforder Bildungscampus, auf dem jetzt auch die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe einen neuen Studiengang ansiedeln werde.

Das Versprechen von IHK-Geschäftsführer Harald Grefe, den Kandidaten zur Digitalisierung einmal richtig auf den Zahn zu fühlen, löste Moderatorin Münstermann nicht ein. Es blieb offen, wo genau denn die „vielen Prozesse“ (Tanja Maaß) liegen, die durch eine effektive Digitalisierung neu organisiert werden könnten, um Mitarbeitern dadurch Zeit zu verschaffen, sich mehr um „die Menschen“ zu kümmern.

Kitas in die City

Statt dessen ging es weiter in die Entwicklung der Innenstädte, auf die Landräte bekanntermaßen sehr wenig Einfluss nehmen können. Oliver Flaskämper und Dr. Klaus Bockermann fürchten eine hohe Zahl von Leerständen, sobald die ausgesetzte Pflicht zur Insolvenzanmeldung Ende September wieder in Kraft tritt. Beim Innenstadt-Management sollten die Bebauungspläne die Ansiedlung von Kitas, Schulen und Gastronomie ermöglichen, appellierte Flaskämper: „Auf diese Weise würde wieder mehr Leben in die Cities kommen.“ Landrat Müller empfiehlt einen Blick auf das kreative Leerstands-Management in Bremen.

IHK-Geschäftsführer Grefe greift in seinem Schlusswort einen Vorschlag von Dorothee Schuster auf. Die 2004 entwickelte, inzwischen aber eingeschlafene „Widufix“-Idee könnte wieder aufgegriffen werden. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk zur Vereinfachung von Verwaltungsvorgängen. Grefe: „Die Wirtschaft im Kreis Herford hat in zehn Jahren Hochkonjunktur keine Förderung gebraucht. Das ändert sich jetzt wieder.“

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