1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Im Zweifel: Finger weg vom Pilz

  8. >

Giftig oder genießbar? – Oft liegen dazwischen nur Kleinigkeiten

Im Zweifel: Finger weg vom Pilz

Herford (WB). Sie sehen faszinierend aus – und können tödlich sein: Wärme und Regen lassen Pilze derzeit aus dem Boden sprießen. Vor allem für Eltern kleiner Kinder bedeutet dies erhöhte Wachsamkeit. Denn auch bei uns wachsen hochgiftige Exemplare.

Moritz Winde

Was für Pilze: Riesenboviste – lateinisch »Calvatia gigantea« – wachsen am Speckenbach in Elverdissen. Der Fruchtkörper des rechten Exemplars ist etwa so groß wie ein Fußball. Diese Art sieht nicht nur beeindruckend aus, sondern ist auch völlig ungiftig. Foto: Moritz Winde

Wo man hinschaut: In Windeseile schießen in diesen Tagen ungewöhnlich viele und große Pilze aus dem Boden. Welche Erziehungsberechtigten kennen nicht folgendes Szenario: Die Kleinen toben im Garten, auf dem Spielplatz oder im Wald – und ehe man sich’s versieht, hat der Nachwuchs zugebissen.

»Richtig gefährlich kann es aber nur werden, wenn der Pilz heruntergeschluckt wird«, sagt Hans-Dieter Wolf, Pilzberater im Kreis Herford. Anfassen oder darauf herumkauen seien völlig unproblematisch. »Meist spucken die Kinder die Pilze ohnehin von selbst wieder aus, weil sie roh nicht gut schmecken.« Wolf empfiehlt, Pilze generell vor dem Verzehr zu erhitzen.

Was aber tun, wenn ein Kind tatsächlich genascht hat, vielleicht sogar vom grünen Knollenblätterpilz? Der Verzehr auch nur geringer Mengen seines Fruchtkörpers kann zu Leberversagen führen. Hans-Dieter Wolf rät: »Sofort ins Krankenhaus und notfalls den Magen auspumpen. Den Pilz mitnehmen, damit er bestimmt werden kann. Wichtig ist auch, die Umgebung zu fotografieren: Manche Pilze wachsen nur in Verbindung zu bestimmten Bäumen.«

Allein 3000 Pilzarten in NRW

Regeln für Sammler

In Naturschutzgebieten ist nicht nur das Betreten abseits der Wege verboten, sondern auch das Sammeln von Pflanzen und Pilzen.

Pilzsaison und Jagdzeit überschneiden sich. Bereiche, in denen Jagden stattfinden, sollten nicht betreten werden.

Viele Waldpilze stehen unter Schutz und dürfen nicht gesammelt werden. Für Speisepilze wie Steinpilze und Pfifferlinge gibt es eine Ausnahme. Der Verkauf der Waldpilze ist verboten.

Gesammelt werden darf nur für den Eigenverbrauch. Es sollten nur Pilze gesammelt werden, die verwendet werden. Pilze spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem.

Wer einen Beitrag zum Naturschutz leisten möchte, geht während der Dämmerung abseits der Wege nicht in den Wald. Denn dann sind die Wildtiere aktiv und brauchen Ruhe.

Pilze nicht aus dem Boden herausreißen. Besser den Pilz mit einem scharfen Messer kurz über dem Boden abschneiden oder vorsichtig herausdrehen.

Pilze am besten im Körbchen transportieren.

Der 65-Jährige beschäftigt sich von Kindesbeinen an mit der Bestimmung von Pilzen. Da könnte man annehmen, er wisse alles auf diesem Gebiet. »Stimmt nicht!«, revidiert er. »Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es etwa 3000 Arten. Davon sind 150 essbar, richtig lecker aber nur 20 bis 25. Ein Dutzend ist lebensgefährlich, 100 bereiten Magenprobleme und der Rest ist ungenießbar. Immer wieder werden neue Arten entdeckt.« Im Zweifel gelte daher: lieber Finger weg.

Selbst für den ehrenamtlichen Fachmann ist es deshalb schwierig, da den Überblick zu behalten. Das Problem bei der Unterscheidung: Viele sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Manchmal sind es nur Nuancen, die einen Giftpilz von einem Speisepilz unterscheiden.

Während zum Beispiel der Pantherpilz toxisch ist, ist der Verzehr des Perlpilzes unbedenklich. Hans-Dieter Wolf: »Nur die Anordnung der weißen Flocken auf dem braunen Hut und die Färbung des Stumpfes sind verschieden.« Für den Laien fast unmöglich zu erkennen.

Keine Essensfreigabe ohne Inaugenscheinnahme

Wolfs Expertise ist momentan häufig gefragt. Täglich wollen Leute wissen: Was für einen Pilz halten sie in den Händen? Der stellvertretende Vorsitzende der Herforder Pilzfreunde – der Verein trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr im Hotel Waldesrand zum Stammtisch – hilft gerne bei der Bestimmung.

»Eine Essensfreigabe gebe ich aber nur nach Inaugenscheinnahme, sonst mache ich mich strafbar. Ich muss den Pilz riechen und anfassen, um ihn zu bestimmen«, sagt der gebürtige Unterfranke.

Der 65-Jährige ist auch für die Krankenhäuser der Region ein wichtiger Ansprechpartner – zuletzt vor ein paar Tagen. »Ein Mädchen wurde in die Kinderklinik gebracht, weil sie im Kindergarten einen Pilz gegessen hatte. Da sich der Arzt nicht sicher war, fragte er mich«, sagt Wolf. Die Klinik brachte ihm den Pilz per Taxi. Der Pilzberater konnte zum Glück Entwarnung geben. »Es handelte sich um einen ungiftigen Schichtpilz.« Die junge Patientin konnte noch am selben Tag wieder nach Hause.

Startseite