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Der umstrittene Islamexperte: Ahmad Mansour warnt in Herford vor »falscher Toleranz«

»Integration ist eine Bringschuld«

Von Bernd Bexte Herford (HK). So ein Satz sitzt: »Jeder Schüler hat das Recht auf ein Pausenbrot mit Wurst aus Schweinefleisch, ohne dafür gemobbt zu werden.« Ahmad Mansour spitzt die Dinge gerne zu. Dafür zahlt er einen hohen Preis.

Signierstunde mit Personalschutz: Wenn Ahmad Mansour in der Öffentlichkeit auftritt, ist er stets von Sicherheitspersonal umringt. Denn die Thesen des 42-Jährigen zum Thema Islam und Integration sind hochumstritten – vor allem unter Muslimen. Foto: Bexte

Draußen Polizei, am Eingang ein Sicherheitsdienst, Einlasskontrollen für jeden Zuhörer und ein Referent, der von fünf breitschultrigen Personenschützern des LKA begleitet wird: Wenn Ahmad Mansour über Integration und Islam spricht, herrscht höchste Sicherheitsstufe. Denn die Thesen des 42 Jahre alten Psychologen und Autors bergen Zündstoff. Er wettert gegen »falsche Toleranz« und »populistische Panikmache«, fordert ein deutliches Auftreten des Staates gegenüber Einwanderern und sieht vor allem in der traditionellen patriarchalischen Gesellschaft des Islam den Hauptgrund für Probleme bei der Integration. Das bringt ihm Morddrohungen aus der muslimischen Community und häufig Applaus von unerwünschter Seite ein. Mit beidem hat er gelernt, zu leben.

Angst vor Identitätsverlust

Am Dienstagabend war der in Israel als arabischer Muslim aufgewachsene Mansour Gast der Volkshochschule am Münsterkirchplatz. Mansour war nach Herford gekommen, um sein neues Buch »Klartext zur Integration« vorzustellen. Und Klartext bekamen die 120 Gäste in der vollbesetzen Aula. »Die Integration ist in erster Linie eine Bringschuld der Zugewanderten«, sagt der Mann, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Mittlerweile hat er einen deutschen Pass, gilt in seiner neuen Heimat als Instanz in Sachen Integration und wird als solcher gerne in TV-Talkshows eingeladen.

Wer hier dauerhaft leben wolle, »muss die Neugier haben, die Gesellschaft kennenzulernen«. Viele Migranten hätten diese nicht. »Ich werde aber erst in Deutschland ankommen, wenn ich die Gesetze und Werte hier akzeptiere und als Chance anerkenne.« Bei vielen Muslimen dominiere hingegen die Angst vor dem Verlust der Identität, bei den Männern die Sorge um familieninterne Macht. »Ich habe das bei meinem 75-jährigen Vater bemerkt, als er mich zum ersten Mal in Berlin besucht hat.«

»Staat muss selbstbewusster werden«

Aus einer solchen Angst entstünden Parallelgesellschaften. In denen hätten Frauen eben nicht die gleichen Rechte wie in der Mehrheitsgesellschaft, bestimmten die Väter weiterhin, was die Töchter tun und lassen dürfen. »Wenn ich aber nach Deutschland komme und meine Kinder hier genau so erziehen will wie in Syrien, dann geht das nicht.« Der Staat müsse viel deutlicher kommunizieren, was er von den Zuwanderern erwarte. Auch Kritik am Islam müsse möglich sein, ohne gleich als »Islamophobie« abgestempelt zu werden. Die Schule müsse ein säkularer Raum sein, sagt der nicht praktizierende Muslim.

Religionsfreiheit bedeute auch Freiheit von Religion – ohne Rücksichtnahme auf Gebets- oder Fastenvorschriften. »Ali muss genau so behandelt werden wie Jana und Thomas.« Union und SPD stellten sich dieser Diskussion nicht. »Dabei müssen diese Themen in der Mitte der Gesellschaft differenziert diskutiert und nicht den Populisten überlassen werden.« Was also tun? Die drei- bis viermonatigen Integrationskurse für Migranten seien jedenfalls nicht die richtige Antwort. Der Staat müsse mehr Selbstbewusstsein zeigen: »Integration ist die Festlegung von Regeln, nicht das Feiern von Unterschieden.«

Kommentar von Bernd Bexte:

»Wir schaffen das – aber nicht so!«, ergänzt Ahmad Mansour den berühmten Satz von Kanzlerin Angela Merkel und sagt damit, was er von ihrer Integrationspolitik hält. Selbst Zugewanderter, kann er in der Öffentlichkeit unbefangen mit Gleichgesinnten ins Gericht gehen und aus eigener Erfahrung Schwierigkeiten benennen. Und das tut er provozierend: »Die Islamverbände sind Teil des Problems« »Mesut Özil ist für mich nicht integriert.« »Wir müssen mehr über den Antisemitismus unter Zugewanderten sprechen.«

Man muss nicht jede These des Psychologen teilen. Mansour legt jedoch den Finger in viele Wunden, die die politische Mitte zumindest in der öffentlichen Debatte gerne übersieht – und diese somit den Demagogen überlässt. Der Aufstieg der AfD ist dafür ein ausreichender Beleg.

Mansour beruft sich in seiner Haltung auf die europäische Aufklärung: das Hinterfragen von Autoritäten und Traditionen. Genau das fordert er von Muslimen. Auch wenn dies bis auf Weiteres ein frommer Wunsch bleiben wird, sollte man ihm in der Zwischenzeit zuhören. Nur eine ehrliche Diskussion bringt uns weiter.

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