Prozessauftakt: Am hellichten Tag tragen Schüler samt Verstärkung gewaltsam Streit aus – es fallen Schüsse, Auto erfasst 29-Jährigen

Jagdszenen am Jahnstadion in Herford

Herford (WB)

Es müssen Szenen wie bei einem Bandenkrieg gewesen sein: Am 18. Februar 2020, einem Dienstag, verabreden sich zwei Herforder Abiturienten, um mit ihrer Anhängerschaft am hellichten Tage auf einem Parkplatz am Jahnstadion ihren Konflikt auszutragen.

Bernd Bexte

Auf diesem Parkplatz am Jahnstadion, an der Ecke Dennewitzstraße/Ernstmeierstraße, waren die rivalisierenden Gruppen aufeinander getroffen. Ein heute 21 Jahre alter Herforder soll mit seinem VW Polo gezielt auf die Gruppe seines Kontrahenten zugerast sein. Er erfasste einen 29-Jährigen, der zu Boden geschleudert wurde und schwere Verletzungen erlitt. Im Polizeibericht erschien der Vorfall nie. Foto: Bexte

Es fallen Schüsse aus einer Reizgaspistole, ein Auto wird demoliert, dessen Fahrer dann offenbar versucht, in die Gruppe der Kontrahenten zu rasen, einen 29-Jährigen Mann erfasst, der zu Boden geschleudert wird und schwere Verletzungen davonträgt.

Ein Totschläger, an dem Blut haftet, wird sichergestellt, auch mit Messern sollen die Mitglieder zumindest einer Gruppe am Tatort erschienen sein. Die Anklage listet auch Schlagringe, einen Baseballschläger und Pfefferspray auf.

Seit Montag wird der Vorfall, der niemals im Pressebericht der Polizei erschien, vor dem Jugendschöffengericht Herford verhandelt.

Ein heute 21-Jähriger Herforder und sein mutmaßlicher Komplize (22) müssen sich wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung verantworten. Zudem sind sie wegen eines Übergriffs auf einen jungen Mann am 10. Mai 2019 in der Nähe der Diskothek X angeklagt. Dabei sollen sie Unterstützung von zwei Herfordern (21/20) erhalten haben, die deswegen seit Montag ebenfalls auf der Anklagebank sitzen.

Auslöser der Verabredung zum Duell am Jahnstadion soll ein lange währender Streit zwischen dem dem 21-Jährigen und einem Mitschüler gewesen sein. Sein Kontrahent habe sich immer über ihn „lustig gemacht“, gibt der Angeklagte an. Dabei sei es auch um „unterschiedliche Traditionen“ gegangen. Ein paar Tage zuvor habe er seinem Rivalen dann in der Schule „eine geklatscht“.

Der sinnt offenbar auf Vergeltung. Es folgt die Verabredung zum Treffen nach Schulschluss. Gegen 13.35 treffen die Gruppen – laut Polizei zehn auf der Seite des späteren Opfers, sechs aus der Gruppe der jetzt Angeklagten – am Jahnstadion aufeinander. Laut Anklage soll der 21-Jährigemit Reizgas mehrfach gezielt auf Kontrahenten geschossen und sie im Gesicht verletzt haben, ebenso sein jetzt angeklagter Komplize. Dessen Gegenüber soll sogar zu Boden gegangen sein. Dann seien beide in den VW Polo des 21-Jährigen gestiegen. Der Fahrzeughalter habe dann versucht, gezielt in die gegnerische Gruppe zu rasen. Die Rivalen können jedoch ausweichen.

Er erfasst jedoch einen 29-Jährigen, der gegen die Windschutzscheibe prallt und zu Boden geschleudert wird. Dieser erleidet eine schwere Schulterverletzung und einen vierfachen Daumenbruch. „Er ist mit quietschenden Reifen und Vollgas losgefahren und hat mit dem Auto einen Schlenker gemacht, um mich zu erfassen“, gibt der in Bielefeld studierende Herforder vor Gericht an. Er tritt als Nebenkläger auf. „Ich wurde mehrfach operiert und hatte zehn Monate Beschwerden.“

Er ist damals von seinem Cousin, dem Rivalen des jetzt angeklagten Abiturienten, per Chatnachricht mit anderen Verwandten und Bekannten zum Schauplatz nach Herford bestellt worden. „Ich saß in der Uni-Bibliothek, als ich die Nachricht erhielt.“

Der mutmaßliche Haupttäter schildert das Duell am frühen Nachmittag ganz anders: „Es sollte ein fairer Kampf werden.“ Er habe von der anderen Seite zuvor Morddrohungen auf sein Handy erhalten, deshalb die Pistole zum Eigenschutz angeschafft. „Ich habe auch nur in die Luft geschossen.“ Er habe Pfefferspray ins Gesicht bekommen. Als er in sein Auto geflüchtet sei, habe die andere Gruppe den Polo umstellt und mit Teleskopschlagstöcken darauf eingeprügelt. Tatsächlich wird der Pkw stark demoliert, unter anderem gehen drei Seitenscheiben zu Bruch. „Die wollten auch auf uns einstechen.“

Als er dann aus Panik mit seinem Bekannten weggefahren sei, habe er den 29-Jährigen erfasst. „Ich habe dann sofort die Polizei gerufen.“ Die griff die beiden im Polo auf dem H2O-Parkplatz auf, dem Fahrer wurde der Führerschein abgenommen, den er bis heute nicht zurückbekommen hat. Die Polizei stellte die rivalisierende Gruppe am Tatort.

Der Mitangeklagte wollte sich vor Gericht zu den Vorwürfen nicht einlassen. Die beiden anderen Angeklagten äußerten sich zu dem Übergriff am X ebenfalls nicht. Der Prozess wird am 27. Mai fortgesetzt.

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