1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Kein Kick auf den ersten Blick

  8. >

Navid Nuur im Marta in Herford: Seine Kunst verlangt vom Betrachter Zeit

Kein Kick auf den ersten Blick

Herford (WB). Es gibt Ausstellungen, die sorgen beim ersten Anblick für einen Flash. Andere erzeugen anfangs vor allem ein Schulterzucken – so wie die Präsentation des Künstlers Navid Nuur im Marta. Doch wenn sich der Ausstellungsbesucher in einen geneigten Ausstellungsbesucher verwandelt, nimmt er einigen Kunst-Gewinn mit nach Hause.

Hartmut Horstmann

Künstler hinter Gittern: Navid Nuur ist dabei, wenn die Ausstellung am Sonntag um 14 Uhr eröffnet wird. Bei den Lampen am Zaun handelt es sich um Kaleidoskope, in denen der Betrachter bunte Welten entdecken kann. Foto: Hartmut Horstmann

Ratgeberbuch für Künstler

Im Raum eine Wäscheleine, auf der dreckige Kleidung des Künstlers hängt, zwei Bilderrahmen, von denen scheinbar die Rückseite zu sehen ist, Vitrinen, in denen zum Beispiel Backsteine liegen: Der aus dem Iran stammende Künstler weiß, dass viele Leute denken: Das kann ich auch.

Und Nuur wird diese Behauptung vermutlich nicht einmal bestreiten. Zwar kann der 44-Jährige auch Beteiligungen an renommierten Ausstellungen wie der Biennale in Venedig vorweisen, doch verfügt er über genügend Selbstironie.

Zum Understatement passt, dass Navid Nuur den Weg zum Künstler in einem Ratgeberbuch für Kinder beschreibt. Kunst erleben, Kunst zum Anbeißen, werde Kaukünstler: Unterschiedliche Techniken zur Künstlerwerdung „in Nullkommanichts“ beinhaltet das Büchlein, das im Marta-Shop erworben werden kann.

So richtet sich die Ausstellung, die am Sonntag, 26. Januar, um 14 Uhr eröffnet wird, auch an Kinder. In Workshops können sie das im Buch Beschriebene umsetzen. Für die Dauer der Ausstellung sollen die Exponate in noch leere Regale gelegt werden. Anschließend dürfen die Kinder sie mit nach Hause nehmen.

Spielerische Konzeptkunst

Die Ausstellung in der ersten Etage des Marta trägt den Titel „Hocus Focus“. Das titelgebende Exponat zeigt, worum es Navid Nuur geht. Drei Spiegel hintereinander, bei zwei von ihnen wurde die Rückseite zum Teil entfernt. Der Betrachter kann wie durch Glas hindurchschauen – das eigene Spiegelbild erscheint gebrochen und verschwommen.

Wer zu tiefen Gedankengängen neigt, erkennt in dem spielerischen Spiegelmotiv eine philosophische Komponente – ganz nach der Richard-David-Precht-Devise „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“.

Die Kuratorin Friederike Fast spricht von „spielerischer Konzeptkunst“ – und diese Formulierung trifft es. Navid Nuur versucht, sich die Welt kreativ anzueignen. Sein Blick für die kleinen Dinge wirkt unspektakulär. Die blaue Rückseite von Plakaten zum Beispiel hat der Künstler auf die Vorderseite eines Bildes vergrößert. Die gleiche Farbe hat er auf die gesamte Wand übertragen.

„Denn die einen sind im Dunkeln“

Das eigentlich Verborgene erhält so eine große Öffentlichkeit – auch wieder so eine vermeintlich mühelos konzipierte Arbeit, die zu einigem Tiefsinn einlädt. Oder wie es Bertolt Brecht formulierte: „Denn die einen sind im Dunkeln/und die andern sind im Licht.”

Die Ausstellung ist bis zum 26. April zu sehen.

Startseite
ANZEIGE