1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Kino-Schließung bis Juni befürchtet

  8. >

Christoph Maier: „Lockerungen, die dann wieder zurückgenommen werden – das bringt nichts“

Kino-Schließung bis Juni befürchtet

Herford (WB)

Immer neue Verhandlungsrunden zum Umgang mit Corona. Viele Menschen haben das Gefühl, dass unangenehme Lockdown-Wahrheiten nur scheibchenweise kommuniziert werden. Zu denen, die sich keinen Illusionen hingeben, zählt Christoph Maier vom Herforder Kino-Capitol. Er geht nicht davon aus, dass das Kino vor dem Frühsommer wieder geöffnet wird.

Hartmut Horstmann

„Keine Zeit zu sterben“: Der Titel des neuen Bond-Films ist Programm. Allerdings erwartet Programmmacher Christoph Maier keine schnelle Öffnung. Foto: Moritz Winde

Frühsommer, also möglicherweise Juni – in kaum einer Prognose war bisher von einem derart langen Kino-Lockdown die Rede. Capitol-Programmmacher Maier weiß, dass die Menschen gerade lieber andere Nachrichten hören. Aber er gibt zu bedenken: „Es bringt nichts zu lockern und dann diese Lockerung wieder zurückzunehmen.“ Man müsse den Kostenapparat immer wieder hochfahren, das sei nicht durchzuhalten.

Kritiker aus seiner Branche, die die negativen Folgen für Freizeit und Kultur ansprechen, versteht der 55-Jährige allerdings auch: „Es ist ja nicht so, dass sich Kinos als Corona-Hotspots erwiesen hätten.“

„Keine Zeit zu sterben“ heißt der neue Bond-Film, mit dem das Capitol noch wirbt. „Dieser Titel verfolgt mich“, lacht Maier. Denn er passe als Überlebensmotto zur Corona-Situation. Klar, dass der Programmmacher oft auf den Film angesprochen wird.

Um das Überleben des Kinos zu sichern, haben die Verantwortlichen November- und Dezemberhilfen beantragt: „Bisher ist aber noch kein Geld angekommen.“ Trotzdem gibt der 55-Jährige die Parole aus: „Wir kommen durch.“ Auf den Zusatz „definitiv“ verzichtet er mittlerweile. Im Team sei die Stimmung sehr gedrückt.

Um den Kontakt zu den Besuchern nicht gänzlich abreißen zu lassen und um die Finanzen aufzubessern, denkt der Programmmacher an eine Kinobanner-Auktion. Zwar sei das noch nicht spruchreif, doch verfüge das Kino über bis zu 100 Großplakate alter Filme – und die könnte man versteigern.

Dass die Herforder Kinomacher ein treues Publikum haben, erfuhren sie bei einer Gutschein-Aktion zur ersten Corona-Schließung im Frühjahr. Für mehr als 12.000 Euro wurden Gutscheine verkauft, doch Maier schließt eine Neuauflage zum jetzigen Zeitpunkt aus: „Kein Mensch kann gerade sagen, wann es überhaupt weitergeht.“

Der Experte kennt auch die Angst einiger Kinobetreiber, wonach der Netflix-Heimkino-Boom der Corona-Zeit das Kino zusätzlich beeinträchtigen könnte. Maier ist hier Realist, gibt sich aber optimistisch: „Netflix kann kein Kino ersetzen.“ Zudem gebe es die Konkurrenz schon lange.

Der 55-Jährige vermutet beim Herforder Publikum einen großen Nachholbedarf. Hinzu komme, dass die Anbieter viele Filme in der Pipeline hätten, die zuerst in den Kinos gezeigt werden sollen. 95 Prozent der bereits jetzt produzierten Filme würden nicht irgendwelchen Streaming-Diensten angeboten werden.

Die Kino-Premiere eines Films bleibe so ein Event – und Christoph Maier sagt abschließend: „Daher bin ich guter Dinge.“

Kommentar

Würde ein Politiker öffentlich sa­gen, dass er bis in den Juni dieses Jahres mit deutlichen Corona-Beschränkungen rechnet – die Empörung wäre groß. So mutig wie Christoph Maier ist in diesen pandemiegenervten Zeiten kaum jemand.

Dabei ist der Capitol-Programmmacher kein Schwarzmaler, sondern ein Realist, der Gesundheitsvorsorge und Ökonomie zusammenbringen muss. Für einen privatwirtschaftlich arbeitenden Betrieb wäre ein weiteres Hin und Her fatal.

Welche Bedeutung das Kino für Herford hat, zeigt die Statistik. 75.000 Besucher wurden vor fünf Jahren gezählt – ein Wert, der über denen anderer Kulturanbieter wie Marta oder Theater liegt.

Hartmut Horstmann

Startseite