ÖPNV-Experte Friedrich Korte kritisiert Rückfahrverzicht der Stadtbuslinie S6 durch drei Straßen am Kreisklinikum

„Komplette Siedlung abgeklemmt“

Herford (WB)

Unmöglich. Ausgeschlossen. Abgelehnt. So lautete vor einigen Jahren die Antwort der Bezirksregierung auf den Wunsch der Busverkehr Ostwestfalen (BVO), auf eine Rückfahrt der Buslinie S6 durch die Siedlung der Haltestellen Damaschkestraße, Auf der Brede und Auf dem Dudel zu verzichten, um Zeit zu gewinnen. Jetzt hat der Herforder Verkehrsausschuss genau das beschlossen.

Stephan Rechlin

Sollte es so kommen wie geplant, wird die Linie S6 nicht mehr durch drei Straßen am Kreisklinikum fahren. Davor warnt Friedrich Korte. Foto: Stephan Rechlin

Der pensionierte Koch und ÖPNV-Fan Friedrich Korte (82) ist seit zehn Jahren mit der komplizierten Koordination von sechs Stadtbus- und zehn Regionalbuslinien befasst. Er wundert sich, dass der Verkehrsausschuss diesem Antrag ohne jeden Einwand gefolgt sei: „Mit dem Verzicht auf die Rückfahrt in Richtung Innenstadt werden vier Haltestellen abgeklemmt und damit die hinter ihnen liegenden Wohnsiedlungen vom ÖPNV abgeschnitten.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass dieser Fahrplan einer Prüfung standhalte. Weder Bau-Beigeordneter Dr. Peter Böhm noch MHV-Geschäftsführer Achim Overath können sich an solch eine Ablehnung erinnern. Doch Korte bleibt dabei: „Das hat mir die BVO vor Zeugen bestätigt.“

Dabei meinen es Stadt und Ausschuss doch gut. Um das Busparkchaos auf dem Alten Markt etwas zu entzerren, sollen die Taktungen der Stadtbuslinien S5 und S6 um 15 Minuten versetzt werden. Die Busse wären dann jede Stunde zur Minute 00 und zur Minute 30 am Alten Markt, während alle anderen Busse wie bisher zur Minute 15 und 45 dort abfahren.

Zwischen den Haltestellen Lübberlindenweg und Bahnhof würde damit ein Viertelstundentakt entstehen, weil sich die Linien S1 und S6 dort überlagern. Zusätzliche Busse seien dafür nicht nötig. Zudem würde die extrem verspätungsanfällige S6 nach Einschätzung der BVO auf diese Weise pünktlicher. Das würde den Fahrgästen größere Sicherheit geben, ihre Anschlüsse am Bahnhof noch zu erwischen.

Um den neuen Takt zu schaffen, müsste die S6 auf den Straßen rund ums Klinikum einige Minuten sparen. So würden die Straßen Am Hundebach und An der None auf dem Rückweg vom Klinikum nicht mehr befahren. Aus einer der Beschlussvorlage beigefügten Straßenkarte geht hervor, dass von dieser Entscheidung auch die Haltestellen Damaschkestraße, Auf der Brede und Auf dem Dudel betroffen wären – mit den von Friedrich Korte geschilderten Konsequenzen. Durch die Änderung des Linienverlaufs ergibt sich nach Angaben der Verkehrsbetriebe ein Fahrzeitgewinn von drei bis vier Minuten.

In der Vorlage wird allerdings nur der Verzicht auf die Haltestelle Meisenpfad erwähnt. Sie würde durch eine ohnehin stärker genutzte Haltestelle am Klinikum kompensiert. Die mei-sten Fahrgäste, die in die Innenstadt wollten, stiegen bereits auf der Hinfahrt des Busses in Richtung Klinikum an der rund 300 Meter entfernten Haltestelle Klinikum ein. Denn der frühe Einstieg garantiere ihnen eher einen Sitzplatz.

Friedrich Korte teilt das angepeilte Ziel, den Alten Markt vom Busverkehr zu entlasten: „Das versucht die Stadt seit mehr als 20 Jahren.“ Aus den bisher vergeblichen Anläufen zieht er zwei Schlussfolgerungen: „Die Stadt muss zum einen auf das Rendezvous-System am Alten Markt verzichten und die Ankunfts- und Abfahrtszeiten dort weiter öffnen. Zum anderen muss der gesamte Regionalbusverkehr an den Bahnhof verlagert werden.“

Kommentar von Stephan Rechlin

Mit einem Mal ist möglich, was zuvor ausgeschlossen war. Zwei Linien werden aus der Rendezvous-Taktung am Alten Markt herausgelöst. Dafür darf die Stadtbuslinie auf ihrer Rückfahrt in die Innenstadt ein paar Straßen auslassen. Einen großen Kreisel am Go Parc – Bedingung für die Verlagerung des Busverkehrs an den Bahnhof – wird es vorerst nicht geben. Woran liegt das? Am Virus? Oder an neuen Mehrheiten?

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