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Jessica Koppe überrascht im Elsbachhaus mit Bleistiftzeichnungen

Kunst braucht Nähe und Zuwendung

Herford (WB). Die Mindener Künstlerin Jessica Koppe überrascht mit einem mutigen Ausstellungskonzept. Noch nie hat eine Präsentation in der Treppenhaus-Galerie eine derart große Betrachternähe erfordert. Grund sind die feinen Bleistiftzeichnungen, in denen weitgehend auf Farbiges verzichtet wird.

Hartmut Horstmann

Untypisch farbig: „Ich denke zeichnerisch“, sagt Jessica Koppe. Zeichnerisches Denken gehe von der Linie aus, malerisches Denken von Farben und Flächen. In ihren Zeichnungen will die Künstlerin „flüchtige Momente voller Verletzlichkeit und Poesie“ zeigen. Foto: Horstmann

„Das ist wie im richtigen Leben“

Im Normalfall zeichnen sich die Ausstellungen im Treppenhaus des Elsbachhauses dadurch aus, dass die Arbeiten schon von weitem zu erfassen sind. Der Passant kommt näher, bleibt vielleicht vor dem einen oder anderen Bild kurz stehen, aber das ist es dann auch meist. Anders bei Jessica Koppe: Ihre Papierarbeiten sind nichts weniger als eine Aufforderung zu mehr Nähe.

Dass der Betrachter auf den ersten Zwei-Meter-Distanz-Blick die Bleistift-Linien nicht erkennen kann, hält die freischaffende Künstlerin für keinen Nachteil – im Gegenteil: „Das ist wie im richtigen Leben. Man muss genau hinschauen.“

Das Beharren auf Zuwendung ist künstlerisches Konzept. Bewusst richtet sich die Künstlerin „gegen den Zeitgeist, gegen Oberfläche und das ganze Aufmerksamkeitsgebrüll“. Stattdessen stellten ihre Zeichnungen ein geradezu intimes Format dar.

In verschiedene Themengruppen hat Koppe, die auch schon im Kiosk 24 ausgestellt hat, die Etagen unterteilt. Es gibt Zeichnungen, auf denen Babys zu sehen sind, oder einen Zyklus zum Thema Mutter. Gezeigt wird unter anderem eine schwangere Frau, auch der Akt des Gebärens wird zur Kunst – gleichzeitig erhalten viele der Frauenbilder eine erotische Komponente.

Corona als Hindernis

Dass die 39-Jährige nicht einfach den Anspruch hat, stumpf Körper abzuzeichnen, überrascht angesichts der vielen Gedanken, die sie sich über die Kunst macht, nicht. Einerseits geht es um eine Abgrenzung zum traditionellen Mutterbild, andererseits will sie Nacktheit nicht mit Pornographie verwechselt wissen.

Die meisten Zeichnungen sind in den vergangenen Wochen und Monaten entstanden – was die Frage aufwirft, ob ihre Kunst etwas mit Corona zu tun hat. „Sie meinen als Rückzug ins Private?“ , fragt die Künstlerin und meint, das könne schon sein. Vor allem aber hat sie Corona am Anfang nicht so sehr als Thema, sondern vor allem als Hindernis wahrgenommen.

Eröffnung am Freitag

Denn es war lange Zeit nicht möglich, sich mit den Menschen, die für sie Modell standen beziehungsweise saßen, zu treffen. Kein Wunder, dass so auch die eigenen Kinder künstlerisch zum Zuge kamen. Wobei Jessica Koppe auch sagt: „Es geht mir nicht um klassische Porträts.“ Stattdessen spricht sie von Typisierungen.

Wer Lust hat, mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen, hat dazu am Freitag, 23. Oktober, ab 19 Uhr Gelegenheit. Bis 21 Uhr wird sie sich in der Ausstellung aufhalten. Auf eine typische Eröffnung mit langer Einführungsrede verzichtet der veranstaltende Verein Kulturbeutel wegen Corona. Die Ausstellung „Mit Gefühl“ ist bis zum 31. Dezember zu sehen.

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