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Apothekenchefin Constanze Mackowiak aus Herford: „So schlimm war es noch nie“

Mangelware Medikamente

Herford (WB). Die Schilddrüsentabletten Jodthyrox sind seit dem 26. September vergriffen, das Antidepressivum Venlafaxin fehlt sogar seit dem 27. August: Das sind nur zwei Arzneien einer langen Liste, die seit Langem nicht lieferbar sind. Arminius-Apothekenchefin Constanze Mackowiak schlägt Alarm: „So schlimm war es noch nie!“

Moritz Winde

Wenn der Apotheke die Pillen ausgehen: Constanze Mackowiak steht vor einer halb leeren Schublade. Ihre Bestellungen laufen regelmäßig ins Leere. Sie schätzt, dass etwa ein Viertel aller Medikamente fehlen. Und Besserung sei nicht in Sicht. Foto: Moritz Winde

Wer sich mit der 50-Jährigen unterhält, bekommt schnell ein Gespür dafür, wie deprimiert sie ist. Acht Mitarbeiterinnen beschäftigt sie in ihrem Geschäft in der Straße im Großen Vorwerk. Eine Vollzeitkraft sei eigentlich unentwegt damit beschäftigt, den Mangel zu verwalten. „Es drückt natürlich ungemein auf die Stimmung, wenn immer irgendetwas nicht vorrätig ist. Viele Präparate sind seit Monaten nicht lieferbar“, sagt Constanze Mackowiak.

Zum Beweis zieht die Frau im weißen Kittel wahllos eine der Schubladen im hinteren Ladenbereich auf. Normalerweise müssten die Fächer mit Schachteln prall gefüllt sein. Dem aber ist nicht so: Mehr als die Hälfte ist leer. Die Blutdruck senkende Substanz Candesertan zum Beispiel sei momentan von zehn verschiedenen Unternehmen nicht zu bekommen.

„Wir versuchen dann in Absprache mit dem Arzt zu klären, ob der Patient mit einem anderen Wirkstoff behandelt werden kann. Vor allem bei älteren Menschen sorgt dies für große Verunsicherung“, sagt Constanze Mackowiak. Während man sich bei Blutdrucksenkern, Herzkreislaufmitteln oder Schmerztabletten noch behelfen könne, gebe es weitaus kompliziertere Fälle – Stichwort Parkinson: „Die Leute sind ja exakt auf das jeweilige Präparat eingestellt.“

„Situation enorm belastend“

Nicht nur bei den Apothekern sorgt der Engpass für Frust. Auch für die Patienten – so die Erfahrung von Constanze Mackowiak – sei die Situation enorm belastend. „Immer wieder müssen wir Kunden wegschicken, weil das entsprechende Medikament nicht zu bekommen ist. Die fahren dann quer durch die Stadt – auf der Suche nach ihren Pillen.“ Das Problem: Allen Apotheken – es sind 54 im Kreis Herford ­ – gehen die Tabletten aus beziehungsweise sind bereits ausgegangen.

Auch der Pharmagroßhändler Noweda, der einen Sitz in Herford hat, beobachtet die Lage mit Sorge. „Die Situation mit nicht lieferbaren Arzneimitteln in Deutschland spitzt sich weiter zu. Ob Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Antibiotika, Antidepressiva oder Krebsmedikamente: Oft fehlen dringend benötigte Arzneimittel – nicht nur im Raum Herford, sondern bundesweit”, sagt Unternehmenssprecher Dr. Joachim Reinken.

Er empfiehlt Patienten, sich frühzeitig um Nachschub zu kümmern, damit Arzt und Apotheke mehr Zeit für die Suche nach einer passenden Alternative bleibe. „Außerdem sollte der Lieferengpass der Krankenkasse gemeldet werden und auch die Politiker in den örtlichen Wahlkreisbüros sollten über die Missstände informiert werden.“

Joachim Reinken geht davon aus, dass das Problem nicht so schnell behoben wird. So lange wird Constanze Mackowiak ihre Kunden immer wieder mit folgenden Worten vertrösten müssen: „Tut mir leid. Ihr Medikament ist momentan nicht lieferbar.“

Das sind die Ursachen

Immer mehr Medikamente sind derzeit nicht lieferbar. Das ist sehr unbefriedigend für alle Beteiligten. Vor allem Patienten haben unter der Situation zu leiden – aber auch Apotheker. Nach einer Umfrage des Pharmagroßhändlers Noweda gehören Lieferengpässe für mehr als 90 Prozent zu den größten Ärgernissen in der Berufsausübung.

Lieferengpässe entstehen vor allem, weil viele Wirkstoffe aus Kostengründen inzwischen nur noch von wenigen Unternehmen im Ausland hergestellt werden, insbesondere in Asien. Fällt eine Produktion aus, hat das Auswirkungen auf den weltweiten Arzneimittelmarkt und damit auf die Lieferfähigkeit der Medikamente.

Speziell in Deutschland sind Lieferengpässe auch auf die Rabattverträge zurückzuführen: Krankenkassen schreiben jedes Jahr Wirkstoffe aus und nur die günstigsten Anbieter erhalten den Zuschlag. Unternehmen, die leer ausgehen, steigen häufig aus der Produktion aus, da alles andere unwirtschaftlich wäre.

Konsequenz: Für den ausgeschriebenen Wirkstoff bleiben nur noch sehr wenige Hersteller übrig. Mögliche Engpässe, zum Beispiel aufgrund von Produktionsfehlern, können dann nicht mehr aufgefangen werden.

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