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Zahl der Unfallfluchten im Kreis Herford nimmt zu – Verletzten Radfahrer liegen gelassen

Nach dem Crash weitergefahren

Enger/Spenge (WB). Ein Radfahrer (41) liegt schwer verletzt auf der Fahrbahn. Nach einem Unfall ist der beteiligte Autofahrer einfach weitergefahren und hat den Mann am 11. August nachts an der Kreuzung Lübbecker/Vilsendorfer Straße in Herford seinem Schicksal überlassen. Kein Einzelfall, denn laut Polizei gibt es immer mehr Fahrer, die Unfallflucht begehen.

Kathrin Weege

Immer öfter kümmern sich Unfallverursacher nicht um das Opfer, sondern fahren einfach weiter. Foto: Kathrin Weege

Auf’s Handy gesehen, kurz abgelenkt, eine unvorhersehbare Situation oder ein Fahrfehler: Schnell kann es zu einem Unfall kommen. Oft sind es nur Sachschäden, beispielsweise an Fahrzeugen. »Egal ob Verletzte im Spiel sind oder nicht: Verkehrsunfallflucht ist ein schwerwiegendes Delikt. Der Rempler auf dem Parkplatz oder im Straßenverkehr ist eine Straftat nach § 142 Strafgesetzbuch (StGB) und kann bei Ermittlungserfolg für den Flüchtigen mit einer empfindlichen Geldstrafe und Punkten oder Entzug der Fahrerlaubnis enden«, sagt Polizeisprecher Uwe Maser.

Nicht immer haben Unfallopfer so viel Glück wie der 41-jährige Bielefelder. Nach Angaben der Polizei lag er am Sonntag gegen 0.10 Uhr schwer verletzt mitten auf der Fahrbahn, als ihn ein vorbeifahrender Autofahrer bemerkte und Polizei und Rettungswagen alarmierte. In unmittelbarer Nähe lag ein beschädigtes Fahrrad, das dem Verletzten gehörte. Inzwischen konnte die Polizei den wahrscheinlichen Verursacher – einen Bielefelder – ermitteln.

Fälle von Fahrerflucht

2018 haben die Polizeibeamten in 1404 Fällen wegen Fahrerflucht ermitteln müssen – umgerechnet sind das im Kreisgebiet etwa vier solcher Fälle pro Tag und 51 mehr als im Vorjahr. Die aktuelle Aufklärungsquote liegt bei 42,1 Prozent. »Besonders alarmierend ist, dass die Zahl der schwerwiegenden Unfallfluchten – das sind solche, bei denen Menschen verletzt werden – von 2017 mit 51 Fällen auf 73 im Jahr 2018 gestiegen ist«, heißt es in der Verkehrsunfallstatistik der Polizei. So viele Fälle gab es seit 2008 nicht mehr.

Aufklärungsquote

Die Herforder Polizeibehörde liegt trotz eines Rückgangs der Aufklärungsquote mit 67,12 Prozent noch über dem Landesdurchschnitt NRW (63,09). Unfallfluchten mit Verletzen gab es in Enger 2018 drei (2017 nur eine), in Spenge waren es 2018 zwei, 2017 allerdings fünf. Die Zahl der polizeilich aufgenommenen Verkehrsunfallfluchten mit Sachschaden ist in den letzten fünf Jahren in NRW um über 17 Prozent gestiegen, ist in der Verkehrsunfallstatistik zu lesen.

Die Polizei NRW zählte im Jahr 2017 insgesamt 130.564 Verkehrsunfallfluchten mit Sachschaden. »Zahlen, die erschrecken, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Geschädigten in ungeklärten Fällen auf ihrem Schaden sitzen bleiben. Und der ist oft nicht gering«, meint Uwe Maser.

Beweggründe

Doch warum verlassen Fahrer den Unfallort, ohne sich um den entstandenen Schaden zu kümmern? Verkehrspsychologen benennen unterschiedliche Gründe, warum Menschen so handeln. Zum einen könne es Panik in Stresssituationen sein, dann aber auch Berechnung, wenn beispielsweise beim Flüchtigen Alkohol im Spiel war und er Angst hat, seinen Führerschein zu verlieren.

Richtiges Verhalten

Beschädigt man ein Fahrzeug, aber der Besitzer ist nicht in Sicht – wie lange muss man warten? »Wenn keiner zurückkehrt zum Fahrzeug, muss die Polizei verständigt werden. Einen Zettel am beschädigten Auto zu hinterlassen, ist nicht genug«, erklärt Polizeisprecher Uwe Maser.

Sind Kinder in einen Unfall verwickelt, reiche es auf keinen Fall aus, sie nur nach ihrem Befinden zu fragen. »Kinder stehen nicht selten unter Schock und wollen dann nur eines: schnell weg«, sagt Maser. Erst später stelle sich möglicherweise eine Verletzung heraus. Verkehrsteilnehmer hätten eine besondere Sorgfaltspflicht. Sie sollten vor Ort bleiben und die Polizei und gegebenenfalls den Rettungsdienst verständigen, so Maser.

Aktionen der Polizei

Um über Unfallflucht aufzuklären, hat die Polizei dieses Jahr Aktionen auf Parkplätzen großer Verbrauchermärkte im Kreis Herford gestartet. »Verkehrssicherheitsberater haben Mitarbeiter der Märkte und Kunden mit Infos zum Thema Unfallflucht versorgt«, sagt Uwe Maser. Ein Flyer wurde verteilt und auch an den Informationen der Märkte auslegt. »Man kann ihn sich dort abholen und ins Fahrzeug legen. Darauf ist vermerkt, welche Daten man im Falle eines Unfalls melden muss«, ergänzt der Polizeisprecher.

Ärger mit der Versicherung

Auch mit Versicherungen kann es bei Unfallflucht Ärger geben. Darauf weist der ADAC auf seiner Homepage hin. Unfallflüchtige müssen für ihren Schaden selbst aufkommen. Denn die Kasko-Versicherung streicht diese Leistung in der Regel komplett. Das dürfe die Versicherung oft auch dann, so der ADAC, wenn das Verfahren wegen geringer Schuld gegen Geldauflage eingestellt wird.

Der Leidtragende ist vor allem aber das Opfer. Wird der Verursacher nicht erwischt, bleibt es oft auf dem Schaden sitzen. Es springt nur eine Vollkasko-Versicherung ein – abzüglich der Selbstbeteiligung. Beim Schadensfreiheitsrabatt werden auch die Opfer zurückgestuft.

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