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Weshalb ASB-Lehrer Jürgen Lohöfer (64) aus Herford Präsenzunterricht gibt

Nicht ohne seine Schüler

Herford (WB). Für ihn sei die Sache sofort klar gewesen: Jürgen Lohöfer wollte unbedingt zurück in den Klassenraum. Die Sehnsucht nach seinen Schülern, nach seinem Job sei einfach zu groß gewesen. Dabei gehört der 64-Jährige wegen seines Alters zur Corona-Risikogruppe und hätte im Home-Office bleiben können.

Moritz Winde

Seine Schülerinnen und Schüler nennen ihn „Jürgen“: Jürgen Lohöfer behandelt mit dieser Deutsch-Klasse den Schiller-Klassiker „Kabale und Liebe“. Der 64-Jährige gibt von Anfang an Unterricht am ASB – trotz der Corona-Gefahren. Foto: Moritz Winde

Doch gegen diese „fürsorgliche Diskriminierung“ – so nennt der Pädagoge die Schutzmaßnahmen des Staates – sträubt er sich. „Ich habe mich ausgegrenzt gefühlt“, sagt der Herforder. Und das Arbeiten von zu Hause sei sowieso nicht sein Ding. „Ich brauche den zwischenmenschlichen Kontakt zu den Schülern. Wissen über den Bildschirm zu vermitteln, ist nicht nur ein Wahnsinns-Aufwand, sondern außerdem auch nicht sehr effektiv.“

Ohne zu zögern habe er deshalb eine Erklärung unterzeichnet, in der er sich bereit erklärt, Präsenzunterricht zu geben – und zwar ohne Wenn und Aber. Das Risiko einer Ansteckung nehme er in Kauf, sagt Jürgen Lohöfer, wohl wissend, dass Schulen schnell zu Virus-Hotspots werden können – trotz der Einhaltung der Schutzmaßnahmen wie Abstandhalten und Händedesinfektion. „Ich fühle mich fit und hoffe, dass ich die Krankheit im Fall einer Infektion überstehen würde.“

Schüler nennen ihn „Jürgen“

Seit 32 Jahren unterrichtet Jürgen Lohöfer am Anna-Siemsen-Berufskolleg Deutsch und Musik. In ein paar Wochen wird er pensioniert. Auf eine Verabschiedungsparty könne er verzichten, seinen Schülern – sie nennen ihn „Jürgen“ – aber wolle er schon gerne persönlich „Tschüss“ sagen.

Jürgen Lohöfers freiwilliges Engagement weiß Schulleiterin Britta Nolte zu schätzen. Sie muss schließlich dafür sorgen, dass nicht nur die Prüfungen abgenommen, sondern auch der normale Unterricht läuft. 20 Kollegen gehören zur Risikogruppe. „Zwei Drittel davon bleiben zu Hause“, sagt die 50-Jährige.

Das NRW-Schulministerium geht erfahrungsgemäß davon aus, dass der Anteil der Lehrerinnen und Lehrer, die aufgrund von Schwangerschaft, Vorerkrankungen oder häuslicher Pflege vorerkrankter Angehöriger für den Präsenzunterricht in den Schulen nicht zur Verfügung stehen, im unteren bis mittleren zweistelligen Prozentbereich liegt, heißt es von der Bezirksregierung Detmold. Demgemäß wäre rund ein Drittel der Lehrkräfte zunächst nicht im Präsenzunterricht einzusetzen.

Ab dem 3. Juni treten allerdings neue Regelungen für Lehrer aus Risikogruppen in Kraft. Dann können Pädagogen, bei denen die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs besteht, nur noch auf Grundlage eines Attests ihres Arztes von der Verpflichtung zum Präsenzunterricht befreit werden.

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