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Besuchsregeln im Klinikum Herford sind für manche Patienten und Angehörige belastend

Nur 30 Minuten pro Woche

Herford (WB). Nein, optimal sei es ganz und gar nicht, sagt Ralf Linnemann. Der 68-Jährige steht vor dem Klinikum und kämpft mit den Tränen. Hier liegt seine Ehefrau Gudrun mit starken Schmerzen, aber unklarer Diagnose. 30 Minuten pro Woche darf der Rentner zu ihr aufs Zimmer – mit Abstand und Maske. Die Besuchsregeln sind für manche Patienten und Angehörige enorm belastend.

Moritz Winde

Ab hier gilt Maskenpflicht: Ralf Linnemann steht vor dem Haupteingang des Klinikums. Bevor er auf die Station gehen kann, muss er sich einem Gesundheitsscreening unterziehen. Einmal pro Woche darf er seine Ehefrau besuchen. Foto: Moritz Winde

„Es ist wirklich hart“, sagt Ralf Linnemann, zeigt aber gleichzeitig Verständnis für die Vorgaben. Er sei ja froh, seine Frau überhaupt wieder sehen zu dürfen, mit der er 46 Jahre verheiratet ist. Bis vor einer Woche war dies nämlich gar nicht möglich, erst seit dem 20. Mai ist die coronabedingte Komplett-Schließung des Klinikums für Besucher gelockert worden.

Die erste Woche sei reibungslos verlaufen, bilanziert Unternehmenssprecherin Monika Bax. 580 Patienten liegen derzeit im größten Krankenhaus des Kreises. Etwa 100 Besucher werden täglich durch den Haupteingang geschleust. Sie müssen sich registrieren und einem Gesundheitsscreening unterziehen. Nur wer frei von grippeähnlichen Symptomen ist, darf passieren.

Ralf Linnemann wünscht sich mehr Zeit und Nähe mit seiner Gudrun. „Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, muss aber anderthalb Meter Abstand halten. Und eine halbe Stunde ist ja ruckzuck vorbei. Da kann man gerade die Tasche auspacken und muss quasi schon wieder gehen.“ Die 68-Jährige wurde vor zwei Wochen mit Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch eingeliefert. Die Annahme bestätigte sich allerdings nicht. „Nun warten wir auf das Ergebnis der Biopsie. Entweder es ist alles gut oder uns trifft der Schlag“, sagt Ralf Linnemann.

Andere Regeln in der Kinderklinik

Monika Bax kann nachvollziehen, dass sich Angehörige und Patienten öfter sehen wollen. Sie sagt aber auch: „Wir wollen verhindern, dass sich Besucher in die Quere kommen und jeder Patient auch tatsächlich Besuch empfangen kann. Im Übrigen wird bei den Zeiten schon mal ein Auge zugedrückt.“ Der Krisenstab bewerte die Situation zudem ständig neu.

Während die Besuchszeit im Haupthaus auf 30 Minuten pro Woche festgelegt ist, gelten für die Angehörigen des Mutter-Kind-Zentrums und der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin folgende Regelung: ein Besucher pro Patient am Tag. Kinder aber sind auch hier tabu. In Notsituationen, in der Palliativmedizin sowie bei betreuungsrechtlichen Fragestellungen sind Besuche in Absprache mit der jeweiligen Abteilung möglich.

Im Mathilden-Hospital seien die Erfahrungen mit der neuen Besuchsregelung positiv, sagt Geschäftsführer Dr. Georg Rüter. Abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen zeigten sich die Besucher verständig und diszipliniert. Wartezeiten gebe es kaum, weil sich die Besucher über die Zeit von 15 bis 19 Uhr verteilen. Seit Mittwoch seien 300 Besucher im Haus gewesen. Anders als im Klinikum dürfen Besucher einmal täglich für 30 Minuten kommen, allerdings erst ab dem dritten stationären Tag. „Beim Zeitlimit sind wir nicht übermäßig streng“, sagt Rüter.

Kommentar von Moritz Winde

Gudrun Linnemann ist mit starken Schmerzen ans Bett gefesselt. Medikamente helfen kaum. Noch wissen die Ärzte nicht, weshalb sich die Seniorin so quälen muss. Aufschluss soll eine Gewebeprobe geben. Das Ergebnis steht noch aus. Verständlich, dass sich die 68-Jährige nach ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Enkeln – sprich nach ihrer Familie – sehnt. Die Regeln im Klinikum aber verbieten allzu viel Besuch. Nur ihr Mann darf einmal in der Woche für 30 Minuten vorbeischauen – natürlich mit Abstand und Maske.

Diese Geschichte macht traurig und wütend zugleich: Das Schicksal des Ehepaares zeigt, wie sehr das Coronavirus eine ohnehin schon belastende Situation verschärft. Natürlich ist es richtig, am Eingang penibel zu kontrollieren. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Infektion ins Klinikum getragen würde.

Und dennoch sollten die Besuchsregeln behutsam ausgeweitet werden. 30 Minuten pro Woche ist zu wenig. Wer gesundheitlich schon einmal angeschlagen war, weiß, wie wichtig vertraute Gesichter sind. Auch der persönliche Kontakt zu seinen Liebsten kann schließlich zur Genesung beitragen.

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