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Pro Jahr wechseln 100 Gläubige von anderen Kirchen an den Herforder Wilhelmsplatz

Nur die Petri-Gemeinde wächst

Herford (WB). Eigentlich müsste Bodo Ries an diesem Sonntag über den Paulus-Brief an die Philipper predigen. Doch der Petri-Pfarrer hält sich nicht an die Liturgie. Stattdessen gibt’s einen Glücks-Gottesdienst – Süßigkeiten inklusive.

Moritz Winde

Bodo Ries predigt seit neun Jahren in der evangelisch-reformierten Petrigemeinde. Der 44-Jährige ist mit einer Lehrerin verheiratet und hat drei Kinder. Foto: Moritz Winde

Die Idee zu der »Hygge«-Andacht hat der 44-Jährige von seinem jüngsten Dänemark-Urlaub mitgebracht. In unserem Nachbarland ist »Hygge« ein Kernbestandteil der Tradition. Im Wesentlichen symbolisiert dieses kurze Wort eine gemütliche, herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens mit netten Leuten zusammen genießt.

Kurzum: gemeinsam glücklich sein. »Forscher haben herausgefunden, dass zum Glück auch Zucker gehört. Deshalb gibt’s am Sonntag für die Besucher Lakritz«, sagt der Geistliche, der seit neun Jahren Petri-Pfarrer ist. Los geht’s um 11 Uhr.

Der »Hygge«-Gottesdienst ist einer dieser Einfälle, mit denen Bodo Ries überrascht. Der unkonventionelle Theologe der reformierten Kirche geht neue Wege – und hat großen Erfolg.

Da wird im Gottesdienst schon mal Walzer getanzt, der Altarraum wird zur Theaterbühne oder die Kirche zum Kinosaal. Es gibt Predigten für die ganz Kleinen, Andachten im Tierpark und im Marta. Der Mittagstisch für Bedürftige ist nicht mehr wegzudenken.

Freestyle-Gebete oder Bach-Choräle oder beides?

Nach Angaben des Kirchenkreises sind alle evangelischen Gemeinden in Herford in den vergangenen acht Jahren deutlich geschrumpft. Nur Petri wächst gegen den Trend. Waren es 2010 noch 1570 Mitglieder, sind es heute 1725 – ein Plus von zehn Prozent.

Wie ist diese Positiv-Entwicklung zu erklären, die Andreas Isenburg als Phänomen bezeichnet? Der Pfarrer arbeitet am Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste der Evangelischen Kirche von Westfalen in Dortmund. Einen Königsweg, damit Kirchen wieder mehr Menschen erreichen, gebe es nicht.

»Ich kann nicht sagen, macht dies oder jenes, und dann klappt’s. Grundsätzlich rate ich, sich zu öffnen. Das bedeutet nicht, Tradition ade, Moderne willkommen.« Es komme vor allem auf die Zielgruppe, das Milieu an. Ist es gutbürgerlich, hipster oder prekär? Muss der Gottesdienst eher locker und mit Freestyle-Gebeten abgehalten werden oder hochliturgisch und mit Bach-Chorälen?

»Gastfreundschaft spielt aber immer eine wichtige Rolle. Die Menschen müssen gerne Zeit miteinander verbringen, sich der Gemeinde verbunden fühlen. Dann entstehen neue Netzwerke, neue Beziehungen. Schon Jesus hat ständig mit anderen zusammen gegessen.« Der 52-Jährige fordert Gemeinden auf, sich zu öffnen. »Heute ist es eben nicht mehr so, dass die Leute automatisch in die Kirche in ihrem Dorf gehen. Sie suchen sich das passende Angebot heraus.«

Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit

Auch Bodo Ries geht es um Bindnungen. Der persönliche Kontakt sei ihm sehr wichtig, wobei die doch recht kleine Gemeinde dabei von Vorteil sei. Der gebürtige Mindener, der Theologie und Diakoniewissenschaften in Heidelberg studiert hat, freut sich über den Zuspruch. Es sei eine Bestätigung seiner Arbeit. »Andererseits habe ich auch ein ambivalentes Gefühl. Im Schnitt lassen sich pro Jahr etwa 100 Menschen umgemeinden, wechseln also aus anderen Gemeinden zu uns. Das tut mir dann für meine Kollegen leid.«

Einen Schwerpunkt legt der dreifache Familienvater auf die Kinder- und Jugendarbeit. Nicht nur Erwachsene scheinen vom Petri-Konzept überzeugt. »Mehr als die Hälfte unserer Konfirmanden kommen aus anderen Gemeinden«, sagt Ries, der weniger auf Frontalunterricht, sondern auf Praxis setzt.

Dazu gehört die Fahrt nach Langeoog, bei der es um das Thema Gebet geht, aber auch der Rollstuhl-Tag, an dem die Jugendlichen mit einem Rolli durch die Stadt fahren und sich dabei Gedanken darüber machen, wie es ist, behindert zu sein.

»Klar gibt es auch kritische Stimmen«, sagt Bodo Ries, der sein Vorgehen stets mit dem Presbyterium abspreche. Von seinem Weg werde er sich deshalb aber nicht abbringen lassen. »Ich habe ja noch so viele Ideen.«

Während alle anderen Herforder Gemeinden deutlich schrumpfen, gewinnt die Petri-Gemeinde seit Jahren sogar Mitglieder. Foto:
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