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Herforder (31) beschädigte unter anderem das Auto des Bürgermeisters

Randalierer muss in die Gerichtspsychiatrie

Herford (WB). „Erst verlor Kähler sein Fahrrad, jetzt auch sein Auto.“ Mit solchen Sätzen brüstete er sich auf Facebook mit seinen Taten. Vor Gericht hatte der 31-Jährige aber zunächst bestritten, Herfords Bürgermeister sowie andere Menschen geschädigt zu haben .

Bernd Bexte

Der Angeklagte mit seinem Anwalt Carsten Ernst. Foto: Moritz Winde

Erst in seinem letzten Wort zeigte der Herforder Reue. „Es tut mir leid“, las er am Dienstag eine vorformulierte Erklärung ab. Denn es drohte die unbefristete Einweisung in der Psychiatrie. Seine späte Einlassung half ihm nicht.

Das Landgericht Bielefeld verurteilte den mehrfach einschlägig Vorbestraften zu einem Jahr und neun Monaten Haft ohne Bewährung – wegen zweifacher vorsätzlicher Körperverletzung, einer versuchten schweren Körperverletzung, besonders schweren Diebstahls, Bedrohung und Sachbeschädigung. Zudem verhängte das Landgericht Bielefeld die Unterbringung in der Gerichtspsychiatrie.

Bitte um eine „letzte Chance“

Staatsanwältin Malin Tauch hatte lediglich eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten ohne Bewährung, allerdings die Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Verteidiger Carsten Ernst hielt gerade diese Sanktion mit Blick auf die Schwere der Taten für unverhältnismäßig.

Seit Herbst sitzt sein Mandant im Maßregelvollzug in Schloss Haldem (Stemwede), auch in der JVA Brackwede hat er einige Zeit verbracht, „mit Mördern und Junkies“, wie er betonte.

Die insgesamt 217 Tage in Unfreiheit seit Februar 2019 hätten ihn zur Einsicht gebracht, gab er in schnell vorgelesenen Sätzen an. „Ich möchte zurück nach Hause und ich bin bereit, mich behandeln zu lassen“, bat der frühere Cannabis- und Amphetamin-Konsument die Kammer unter Vorsitz von Richter Carsten Wahlmann um eine „letzte Chance“.

Vermindert schuldfähig

Die Drogen seien allerdings nicht entscheidend, hatte Gutachter Dr. Gerhard Dankwarth, an einem früheren Verhandlungstag erläutert. Der 31-Jährige leide unter einer schizotypen Störung, sei aufgrund eingeschränkter Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt nur erheblich vermindert schuldfähig gewesen.

Die Taten sah auch Verteidiger Ernst im Großen und Ganzen als nachgewiesen. So hatte sein Mandant am 4. Februar vergangenen Jahres im Treppenhaus des Ambulanten Sozialen Dienstes an der Kurfürstenstraße seinen Bewährungshelfer (64) gewürgt. Elf Tage später warf er eine Bierflasche in ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss des Rathauses, in dem sich ein Mitarbeiter aufhielt. Das Glas zersplitterte am Fensterkreuz.

Auf Facebook postete er an diesem Tag: „Wer geht täglich joggen und wirft eine Scheibe ein?“. Am Tag darauf schlug er an der Engerstraße einen Bekannten, weil der ihm angeblich noch 30 Euro schuldete, und in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar warf er am Haus von Bürgermeister Tim Kähler mit einem Stein die Heckscheibe dessen Dienstautos ein und zerkratzte den Lack. Schaden: 7390 Euro.

Mitarbeiterin des Sozialamts bedroht

Zwei Wochen zuvor hatte er dort bereits das abgeschlossene Fahrrad des Rathauschefs gestohlen. Besonders dreist: Am Tag des Angriffs auf seinen Bewährungshelfer war er mit dem Rad vorgefahren und hatte diesen gebeten, ihm Geld zu geben, damit er das Fahrrad kaufen könne.

Kähler hatte im Zeugenstand angegeben, als Person des öffentlichen Lebens mit Kritik umgehen zu können. Doch wenn es wie in diesem Fall ins Private gehe, sei das auch für ihn belastend.

In Bezug auf das Rathaus habe der Angeklagte einen „paranoiden Wahn entwickelt“, erklärte Staatsanwältin Malin Tauch. So beleidigte der Herforder am 22. Februar 2019 seine Sachbearbeiterin im Sozialamt – weil sie ihm Beihilfe für seine Katzenbabys verweigerte. Die Frau war so konsterniert, dass sie an diesem Tag den Dienst quittieren musste und mit dem Auto nach Hause fuhr. Der 31-Jährige folgte ihr mit dem Rad. An einer Ampel hielt er neben ihrem Auto und machte mit seiner Hand eine Pistolenschussgeste in ihre Richtung.

Verteidigung kündigt Revision an

Richter Wahlmann begründete die Strafe mit der negativen Sozialprognose für den Herforder. „Für die Allgemeinheit ist er gefährlich. Wer ihm in die Quere kommt, ist dran.“ Verteidiger Ernst will in Revision gehen.

Der Herforder wird vorläufig weiter in Haldem untergebracht. Bei einer rechtskräftigen Verurteilung würde die Haftzeit auf die Unterbringung dort angerechnet. In Freiheit käme er anschließend jedoch nicht automatisch. Der Aufenthalt in der Gerichtspsychiatrie ist unbefristet, wird aber immer wieder überprüft.

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