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Herforder Stadtverwaltung soll über Ort und Lautstärke allein entscheiden

Ratsmehrheit sieht Gebetsruf als Grundrecht

Herford (HK). So vehement und kontrovers auf der Facebook-Seite des HERFORDER KREISBKLATTES auch über den freitäglichen Gebetsruf des Muezzin debattiert wird, so einhellig fällt die Meinung der Mehrheit der Herforder Ratsfraktionen aus: Über ein Grundrecht darf nicht abgestimmt werden. Wie laut und wie oft an welchem Ort zum Gebet gerufen werde, könne die Stadtverwaltung allein festlegen.

Stephan Rechlin

Das Freitagsgebet genießt in muslimischen Gemeinden einen hohen Stellenwert. Foto: dpa

Anders als etwa in Frankreich sei die öffentliche Ausübung einer Religion in Deutschland geradezu erwünscht, stellt Herbert Even von den Grünen fest: „Dazu zählen das Glockengeläut der christlichen Kirchen, aber auch Fronleichnamsumzüge und ähnliche Rituale einzelner Konfessionen.“ Vom grundgesetzlichen Prinzip der Gleichheit aller Religionen her könne die Stadt Herford also gar nicht anders entscheiden als den Gebetsruf des Muezzin zuzulassen: „Die Frage, ob der Rat damit vorab hätte befasst werden müssen, ist eher nachrangig.“

Über den vor zwei Jahren kritisierten Fehler der Ditib, in Uniformen steckende Kinder im Kulturzentrum an der Bielefelder Straße marschieren zu lassen, sei ausgiebig gestritten worden: „Die Gemeinde hat ihren Fehler eingeräumt und Konsequenzen gezogen. Damit ist das Thema abgehakt.“

In der von Präsident Erdogan geführten Türkei möge es anders gesehen werden, doch in Deutschland genieße jeder Mensch die gleichen Rechte: „Das gilt auch für Muslime“, stellt Günther Klemp-nauer von der FDP fest. Eine Ratsdebatte würde zu keinem anderen Ergebnis führen. Einzuschreiten habe die Stadt nur, falls der Gebetsruf andere Menschen oder Anlieger an der Bielefelder Straße belästigen würde: „So ein Streit ist in Herford in den siebziger Jahren schon einmal geführt worden. Allerdings nicht über den Ruf eines Muezzin sondern über das intensive und laute Geläut einer katholischen Kirchengemeinde.“

Kritik an Theisen

Gegen die den Gebetsruf ablehnende Stellungnahme der CDU-Bürgermeister-Kandidatin Anke Theisen wendet sich Fabian Stoffel von den Linken: „Frau Theisens Aussage ‚Wir wollen das hier nicht‘ ist anmaßend und ausgrenzend.“ Offen bleibe, wer mit „wir“ gemeint sei: „Sie scheint nur diejenigen zu meinen, welche in ihr persönliches Weltbild einer ‚deutschen Leitkultur‘ passen, das offensichtlich jenseits des Grundgesetzes liegt.“ Das von Theisen angesprochene Theaterstück mit Kindern in Militäruniformen gehöre unbedingt kritisiert, rechtfertige jedoch nicht, der Gemeinde Grundrechte abzusprechen.

Der parteilose Herforder Jürgen Josting, der gegenwärtig Unterstützungs-Unterschriften für seine Bürgermeisterkandidatur sammelt, fürchtet nicht, durch den Gebetsruf islamisiert zu werden: „Stattdessen werden wir erleben, wie gut unsere Gesellschaft funktioniert.“ Die enge Staatsbindung der Ditib sei allerdings problematisch: „Hier wäre vielleicht eine Lösung mit einem Nicht-Ditib-Imam denkbar.“

Skeptischer fällt dagegen die Stellungnahme von Lothar Wienbröker von den Bürgern für Herford aus: „Der Bürgermeister hat vermutlich das Recht, hier selbst und ohne Politik zu entscheiden. Ob er dabei auch bedacht hat, das alle unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger- außer dem Recht der freien Religionsausübung- immer auch Pflichten haben, darf hinterfragt werden.“

Handel soll ruhen

Alle Bürgerinnen und Bürger seien mit Toleranz und Einfühlungsvermögen zum friedvollen Miteinander verpflichtet. Wienbröker: „Der Ruf des Muezzins wird dazu leider nicht beitragen und die Akzeptanz erschweren.“

Das Freitagsgebet ist für muslimische Männer und Jungen ab der Pubertät vorgeschrieben und für muslimische Frauen empfohlen. Das Gebet am Freitag ist das wichtigste der gesamten Woche und soll nach Möglichkeit gemeinschaftlich in der Freitagsmoschee verrichtet werden. Es ersetzt an diesem Tag das Mittagsgebet und unterscheidet sich von diesem dadurch, dass es aus zwei statt vier Verbeugungen besteht und dass die Koranverse laut vom Imam (Vorbeter) rezitiert werden. Der Koran schreibt vor, dass die Gläubigen, wenn zum Freitagsgebet gerufen wird, zum Gebet eilen und den Handel ruhen lassen sollen.

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