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Nach 17 Jahren praktischer Erfahrung als Schulleiterin korrigiert Rita Klötzer auch eigene Fehleinschätzungen

„Rückkehr zum neunjährigen Abi ist richtig“

Herford (WB)

Das Kollegium des Ravensberger Gymnasiums hat zum Abschied ihrer Leiterin Rita Klötzer kleine, bunte Beutel gebastelt. Für jeden bis zum 29. Januar verbleibenden Arbeitstag je einen Beutel. Jeder enthält eine kleine Überraschung. So wie jedes Jahr seit dem Dienstantritt im Jahre 2004.

Stephan Rechlin

Rita Klötzer hat das Ravensberger Gymnasium 17 Jahre lang geleitet. Am 29. Januar geht sie in den Ruhestand. Foto: Stephan Rechlin

Mit dem Herforder Gymnasium hatte Klötzer damals häufiger über ihre Nebentätigkeit am Mindener Zentrum für Lehrerausbildung zu tun. Sie hatte dort viele Referendare begleitet, die heute in Herford als Lehrer arbeiten. Sie selbst unterrichtete seit 1986 am Immanuel-Kant-Gymnasium Bad Oeynhausen Deutsch und Religion.

Auf der Leitungsposition in Herford konnte sie theoretischen Hintergrund und praktische Erfahrung in einer Aufgabe zusammenfließen lassen. Selbstständige Schule, das Evaluationsprogramm INES, das Kooperationsprogramm KURS – die oft mit großen Buchstaben aber keinem zusätzlichen Personal ausgestatteten bildungspolitischen Ambitionen der Landesregierungen sowie die ständigen Lernstandserhebungen trafen im Büro der neuen Direktorin auf die Überraschungen, die der Schulalltag sonst noch so bereit hielt.

Klötzer selbst befürwortete zunächst das Turbo-Abi in acht Jahren; heute ist sie froh, zum neunjährigen Abitur zurückkehren zu können: „Die Belastung ausgerechnet der gerade einmal zehn Jahre alten Kinder mit teilweise 40 Wochenstunden Unterricht war von Anfang an ein Konstruktionsfehler.“ Die zweite Fremdsprache ab der sechsten Klasse sei eine enorme Zusatzlast gewesen. Über die Westfälische Schulleitervereinigung habe sie sich im Bildungsministerium um Korrekturen bemüht. Doch das Manko viel zu junger Absolventen, für die Elternabende an Universitäten einberufen werden müssen, werde erst durch die Rückkehr zu G9 behoben.

Die Digitalisierung stellte die didaktischen Konzepte in so gut wie allen Fächern in Frage. Eine neue Schülergeneration beherrscht Smartphone und Tablet besser als ihre Lehrer, doch ist mit der Informationsflut überfordert. Beispiel Deutsch: „Es gibt hervorragende Programme zu Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion. Doch über Literatur diskutieren kann ich nur in der Klasse, am besten im Präsenzunterricht.“ Nur dort lernten die Kinder die Diskussionsregeln, darunter Rücksichtnahme und Zuhören, gleich mit.

Die wachsenden Erziehungsaufgaben, die ihre Lehrer in den vergangenen Jahren zu übernehmen hatten, führt Klötzer weniger auf die Digitalisierung als auf gesellschaftliche Veränderungen zurück: „Es gibt weniger Großfamilien, dafür mehr Einzelkinder. Und mehr allein erziehende Mütter.“ Ja, auch der Anteil von Schülern aus Familien mit Migrationshintergrund und ihren eigenen Erziehungsmethoden habe zugenommen.

Die Fertigstellung des neuen naturwissenschaftlichen Traktes im Jubiläumsjahr 2018 sieht Klötzer als wichtigste Weichenstellung für die Zukunft des Ravensberger Gymnasiums. Die Profilierung als MINT-Schule mit einem starken kulturellen Zweig als Nachbar des Stadttheaters sei eine gute Ausgangsbasis für ihren Nachfolger. Der werde im zweiten Halbjahr berufen. Es gebe drei Bewerber.

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