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Berufe in der JVA Herford – Teil 6: Johanna Kuhlemann arbeitet in der »SothA« – mit Video

Schwerverbrecher an der langen Leine

Herford (WB). Sie haben vergewaltigt, geraubt oder getötet: Trotzdem genießen diese Schwerverbrecher gewisse Vorzüge im Haftalltag. Sogar eigene Zellenschlüssel gibt es. In keiner anderen Abteilung des Herforder Jugendgefängnisses dürfen sich die Häftlinge so frei bewegen. Sie werden sozusagen an der langen Leine gelassen – und das aus gutem Grund.

Moritz Winde

Johanna Kuhlemann hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Häftlinge. Zum »SothA«-Konzept gehören neben Gruppensitzungen auch einzeltherapeutische Maßnahmen. Die Schwerverbrecher sollen auf ein straffreies Leben nach dem Knast vorbereitet werden. Foto: Moritz Winde

Justizvollzugsbeamtin Johanna Kuhlemann gehört zu denjenigen, die in der »SothA« das Sagen haben. »SothA« steht für sozialtherapeutische Anstalt. Kleinkriminelle haben hier nichts zu suchen.

Wer im E-Flügel des einstigen preußischen Zuchthauses einsitzt, hat mindestens eine dreijährige Haftstrafe zu verbüßen – im Jugendstrafrecht eine lange Zeit. Bei den Gefangenen muss eine erhebliche Störung in der Entwicklung vorliegen. Seit 1998 ist für Sexualstraftäter mit Verurteilungen zu mehr als zwei Jahren die Verlegung sogar gesetzlich vorgeschrieben. Neben Herford wird das »SothA«-Konzept bei Jugendlichen in NRW nur noch in der JVA Wuppertal angewandt.

Nur nachts werden die Zellen abgeschlossen

Johanna Kuhlemann ist eine zierliche Frau, 35 Jahre alt. Ihre Körpergröße lässt allerdings keine Rückschlüsse auf ihre Durchsetzungskraft zu. Ihr macht niemand etwas vor, sie ist auf der Hut. »Ich habe immer im Hinterkopf, dass das keine Chorknaben sind.«

Vor ihrer Knast-Karriere war sie Erzieherin in einem Heim für schwer Erziehbare. »Jetzt mache ich im Prinzip dasselbe, nur hinter verschlossenen Türen.« Der Vorteil in ihren Augen: Keiner kann abhauen. Der Job sei ihre Berufung.

Wer die »SothA« betritt, merkt schnell, dass in dieser Abteilung vieles anders läuft. Nur wenig hat mit den gängigen Knast-Klischees zu tun. Fast alle der 26 Zellentüren stehen sperrangelweit auf. Nur nachts wird zugesperrt. Auf dem Flur herrscht ein munteres Treiben. Grüppchen stehen plaudernd zusammen. Während überall sonst JVA-Outfit Pflicht ist, tragen hier die meisten Zivilkleidung.

In der Teeküche kocht ein Häftling Tee, ein anderer beobachtet die Fische im Aquarium, im Freizeitraum steht ein Billardtisch, daneben ein Kicker. »Frau Kuhlemann, wo ist der Oberflächenreiniger?«, fragt jemand aus der Putztruppe. Die Mahlzeiten werden zusammen eingenommen. Der Teamgedanke steht im Vordergrund.

»SothA«-Prinzipien stehen am Eingang

Der Großteil der jungen Männer grüßt. Hin und wieder sind »Bitte« und »Danke« zu hören – Umgangsformen, die im rauen Gefängnisalltag selten vorkommen. »Hier läuft eigentlich keiner wie ein Gangster herum. Uns ist es wichtig, dass sich die Jungs anständig benehmen«, sagt Johanna Kuhlemann, die von den Gefangenen als »Abteilungs-Mama« bezeichnet wird.

Trotz der schweren Verbrechen begegnet die Bielefelderin den »Knastis« unvoreingenommen. Sie lebt die »SothA«-Prinzipien vor, die am Eingang stehen: Dazu zählen Höflichkeit, Grenzen akzeptieren, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Respekt, Rücksicht nehmen, Ernsthaftigkeit. Die Täter sollen zu eigenständigen und straffreien Menschen erzogen werden.

»Jugendliche, die Probleme machen, sind meist Jugendliche, die Probleme haben«, sagt Johanna Kuhlemann. Sie arbeitet jeden Tag daran, dass die Gefangenen lernen, Konflikte gewaltlos auszutragen. Ob zu laute Musik in der Nachbarzelle oder ein schiefer Blick des Gegenübers – oft seien es Nichtigkeiten, die zu Stress führten. »Es geht darum, Kritik zu empfangen, ohne gleich loszuschlagen. Das ist eine anstrengende, aber erfüllende Arbeit.«

Wer sich daneben benimmt, riskiert seinen Therapieplatz

Mit Manpower – der Personalschlüssel ist fast doppelt so hoch – und einem breit gefächerten Behandlungskonzept soll verhindert werden, dass die Männer nach ihrer Entlassung wieder straffällig werden.

Das sei zwar sehr teuer, sagt JVA-Chef Friedrich Waldmann. Aber: »Irgendwann ist jeder wieder draußen. Wir wollen die Zeit nutzen, damit sie künftig keine Straftaten mehr begehen. Einen effektiveren Schutz für die Gesellschaft gibt es nicht.« Statistiken zeigten, dass das Rückfallrisiko sinke.

Die Häftlinge wissen offenbar die Vorteile der »SothA« zu schätzen. Der »Gefängnis-Himmel« – so bezeichnet es ein Sextäter – soll die Gefangenen motivieren, an den Therapien teilzunehmen und respektvoll mit anderen zusammenzuleben. Wer sich daneben benimmt, riskiert seinen Platz. Der Plan scheint zu funktionieren. Johanna Kuhlemann sagt, es sei die friedlichste Abteilung der gesamten JVA.

Bisher erschienene Serienteile

1. Verena Gärtner, junge Anwärterin im Strafvollzug

2. Gennaro Chirico, Küchenleiter

3. Alexandra Kobusch, Lehrerin

4. Stefan Behrens, Krankenpfleger

5. Martina Twelenkamp, Sozialarbeiterin

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