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„Gesellschaftlicher Klimawandel“: Theaterautor Martin Heckmanns spricht über die Auswirkungen der Pandemie

Seit März wurde kein Stück mehr gespielt

Herford (WB)

Im Leben von Martin Heckmanns ist es ruhig geworden – viel ruhiger, als es sich der in Herford aufgewachsene Theaterautor wünscht. Denn pandemiebedingt ist seit dem Frühjahr keines seiner Stücke gespielt worden.

Hartmut Horstmann

Alexandra Riemann, Adrian Thomser und Ewa Noack vom Landestheater Detmold proben „Ein Teil der Gans“. Der vorgesehene Premierentermin konnte nicht eingehalten werden. Foto: Marc Lontzek

Da der Theaterbetrieb in den nächsten Wochen, wenn nicht gar Monaten weiter ruhen wird, spricht der 49-Jährige von einem „Jahr ohne Einnahmen“. Besonders traurig stimmt ihn das Schicksal seines Stückes „Mein Vater und seine Schatten“. Das Stück hat einen biographischen Hintergrund und wurde für das Theater in Münster geschrieben. Doch nach drei Aufführungen kam der Lockdown.

Für diesen Monat war eine Wiederaufnahme geplant – doch auch der Neustart fiel der Pandemie zum Opfer. Und zu unguter Letzt: Frank Behnke, der Regisseur des Stückes, wechselt nach Meiningen. Folglich ist es unwahrscheinlich, dass „Mein Vater und seine Schatten“ in Münster nochmal aufgeführt wird.

Zu den Stücken, die gespielt und abgebrochen wurden, kommen diejenigen hinzu, deren Einstudieren im Probenstadium stecken geblieben ist. Dies sei bei dreien der Fall gewesen, sagt der in Berlin lebende Autor. So wollte das Landestheater Detmold im Herbst „Ein Teil der Gans“ zur Aufführung bringen – bisher vergebens. Die ersten Termine mussten abgesagt werden, doch ist das Boulevardstück aus dem Jahr 2007 damit nicht erledigt. „Wir warten auf die Premiere“, heißt es seitens der Pressestelle. Wann diese stattfinden wird, steht in den Sternen – Corona gibt den Takt vor.

Dieser Takt hat sich gerade deutlich verlangsamt. Immerhin sei ein neues Stück für das Stuttgarter Schauspiel so gut wie fertig, erklärt Heckmanns. Auch Prosaversuche hat er unternommen – aber das sei nichts für den Augenblick, sondern eher langfristig angelegt. Im Zustand des allgemeinen Herunterfahrens wendet sich der Autor als Lesender der Weltliteratur zu. Früher habe er Bücher meist im Zusammenhang mit seinen Stücken gesehen, so Heckmanns. In Zeiten fehlenden Theaters fällt der Verwertungsgedanke weg.

Stellt sich die Frage, ob und inwieweit sich die aktuelle Situation auf seine Arbeit auswirkt. Konkret bedeute das für ihn als Autor, dass es gerade keine klare Perspektive gebe: „Wenn ich jetzt schreibe, weiß ich noch weniger als sonst, wann und unter welchen Umständen das Stück aufgeführt werden kann. Und ich weiß auch nicht, wer dann überhaupt wieder ins Theater geht.“

Hinzu komme, dass durch die Kontaktsperren kaum direkte Begegnungen zu beobachten sind, die dem Theaterautor Material bieten können. An die Stelle der Alltags-Dramen tritt die gedämpfte Corona-Stimmung.

Und Heckmanns geht davon aus, dass sich dies auch auf seine Stücke auswirken wird: „Die Heldinnen bleiben zuhause oder arbeiten im Krankenhaus. Schutz ist erst einmal wichtiger als Aufbruch. Und jeder erfährt den Kontrollverlust auf eigene Weise.“

Viel zu viel hat sich verändert, als dass die Literatur dies ignorieren könnte. Als Beispiel für einen Wandel im Sozialverhalten nennt der Autor die Formel „Abstand halten aus Nächstenliebe“ und die grundlegende Verunsicherung, was der Einzelne tatsächlich wissen und womit er rechnen und planen könne.

Sein neues Stück ist im Coronajahr entstanden, trägt den Titel „Besser als tot“ und wird vom Autor als „eine Neufassung der Bremer Stadtmusikanten in Zeiten des Klimawandels“ beschrieben. Einen gesellschaftlichen Klimawandel meint er angesichts der Pandemie feststellen zu können: „Alle beobachten alle auf mögliches Fehlverhalten, weil es die eigene Gefährdung bedeuten könnte. Das Misstrauen wächst, habe ich den Eindruck, auch weil jeder verantwortlich gemacht werden kann als Teil des Ganzen.“

Ob der Autor auch Positives in der Krise sieht? Da braucht er ein wenig Zeit für die Antwort: „Man sieht, wie fragil und wie wenig selbstverständlich unser Zusammenleben ist. Das macht es kostbarer hoffentlich, wenn wir uns wieder treffen und berühren können – auch im Theater.“

Kommentar von Hartmut Horstmann

Martin Heckmanns startetet seine Autoren-Karriere im Jahr 1999 in Herford. Im Stadttheater wurde damals sein erstes Stück gespielt. Doch seitdem ist es auf Herforder Bühnen ruhig um den Autor geworden – und das, obwohl seine Stücke in vielen Schauspielhäusern zur Aufführung kommen. Als das Landestheater Detmold im Jahr 2011 „Kommt ein Mann zur Welt“ spielte, tauchte Herford im Tourneeplan nicht auf. Auch der Versuch, das in Münster uraufgeführte Stück „Mein Vater und seine Schatten“ im hiesigen Theater zu zeigen, ist coronabedingt gescheitert. Ebenfalls nicht im Spielplan enthalten ist die neue Landestheater-Inszenierung von „Ein Teil der Gans“ – leider! Die Verantwortlichen sollten alles tun, den theaterbekannten Sohn der Stadt möglichst oft in ihrem Programm zu berücksichtigen.

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