1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Herford
  6. >
  7. Selbst der Papst war begeistert

  8. >

Herforder Elektromotoren-Werke bauen seit 125 Jahren Kirchentechnik und passgenaue Antriebe

Selbst der Papst war begeistert

Herford (WB). 1931 gelingt den Herforder Elektromotoren-Werken (HEW) der Durchbruch. Die Glocken im Petersdom in Rom werden mit Technik aus Herford angetrieben. Am 1. Oktober feiert das Familienunternehmen seinen 125. Geburtstag.

Moritz Winde

Besuch vom Bürgermeister: Tim Kähler lässt sich von Geschäftsführerin Maximiliane Scheidt das Werk an der Goebenstraße zeigen. Neue Bauteile für die Glockensteuerung werden in einer Testanlage langzeitgeprüft. Der städtische Wirtschaftsförderer Dieter Wulfmeyer und Galina Kloidt (HEW-Leiterin Rechnungswesen) schauen ebenfalls interessiert zu. Foto: Moritz Winde

Motoren von klein bis groß

Das Geschäft mit dem Kirchenklang ist nach wie vor einer der Kernbereiche des Traditionsunternehmens. »Es gibt mehr Wettbewerber in diesem Marktsegment als man glaubt«, sagt Geschäftsführerin Maximiliane Scheidt und berichtet stolz über die Investitionen in Personal, moderne Technik und das Vorantreiben der Innovationen, um diesen Zweig fit für die Zukunft zu halten. Dieses Geschäft sei für HEW wichtig und entgegen vieler Vorurteile keinesfalls rückläufig.

Die Mehrheit des Gesamtumsatzes wird allerdings mittlerweile mit dem Bau maßgeschneiderter Elektromotoren gemacht. Die können so klein wie ein Topf Margarine oder so groß wie ein Einkaufswagen sein und wiegen bis 1500 Kilogramm. »Von der Stange gibt’s bei uns nichts. Alles Spezialanfertigungen«, sagt Maximiliane Scheidt. Die 30-Jährige hat im Januar 2014 den Chefposten von ihrem Onkel Raimund B. Arzdorf übernommen und trägt die Verantwortung für 260 Mitarbeiter an den Standorten in Herford und im kroatischen Ivanec.

Exportanteil liegt bei 16 Prozent

Jeder Motor wird für die im In- und Ausland ansässigen Kunden – der Exportanteil liegt allerdings bei nur 16 Prozent – einzeln und überwiegend per Hand an modern ausgestatteten Montagelinien montiert. Die Einsatzgebiete der bis zu 200 kW starken Kraftpakete sind schier unbegrenzt: Ob der Vorhang im Theater, Förderbänder, der Kneter für die Großbäckerei oder der Flügel fürs Windrad – ohne Antrieb läuft nichts. 160 000 Statorwicklungen und 40  000 Motoren verlassen jährlich das Hauptwerk an der

Goebenstraße, in dem sich 110 Frauen und Männer um Entwicklung, mechanische Bearbeitung in einem modernen Maschinenpark, Montage und Auslieferung kümmern. Die Statorwicklung und damit das Herzstück der Motoren wird seit 1995 in Ivanec gefertigt.

Zwei Freunde beginnen mit der Stromversorgung

Zurück zu den Anfängen: Die HEW würde es sicher heute so nicht geben, wenn die beiden Freunde Friedrich Bokelmann und Eduard Kuhlo vor 125 Jahren nach ihrem Studium an der TH Charlottenburg einen Job gefunden hätten. Auf der Suche nach einem Geschäftsmodell machten sich die Männer quasi aus der Not heraus selbstständig – und zwar mit der Erzeugung von Elektrizität.

Die Jung-Unternehmer begannen von ihrem Firmensitz in der Sophienstraße aus mit der Stromversorgung der Stadt. Als erstes wurde eigenhändig ein Gasmotor gebaut, gerade einmal ein PS stark, mit dem eine Dynamomaschine angetrieben wurde. Dieses Aggregat wurde in der Druckerei Titgemeyer am Neuen Markt aufgestellt und lieferte Strom für acht Glühlampen in Werkstatt, Laden und Schaufenster. Nach und nach wurden weitere E-Werke in Stadt und Kreis errichtet. Damit hatten sie entscheidenden Anteil an Herfords Industrialisierung.

7000 Kirchen in laufender Wartung

Die erste elektromechanische Läutemaschine kam 1896 auf den Markt. Sie trug den

lateinischen Namen »Voco« (dt. herbeirufen). Es war der Beginn der HEW-Kirchentechnik, die Eduard Kuhlo als Sohn eines Pfarrers maßgeblich vorantrieb. Vorbei waren die Zeiten, in denen die Glöckner ihre schweißtreibende Arbeit verrichten mussten.

Heute hat HEW etwa 7000 Kirchen in laufender Wartung – und zwar weltweit. Ob die Wiener Karlskirche, der Dom zu Köln oder St. Pauls in London, aber auch in jeder kleineren Kirche wie dem Münster – überall lässt Technik aus Herford die Glocken läuten.

Startseite