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Herforder Berufskolleg kooperiert mit Schule in Shanghai – laut Rektor »kein harter Drill«

So läuft die Ausbildung in China

Herford/Shanghai (WB). England oder Frankreich? Nicht doch. Für die Schüler des Friedrich-List-Berufskollegs (FLB) geht’s bald zum Austausch nach China. Schulleiter Ulf Kleine-Piening hat bei einem Trip ins Reich der Mitte den Deal perfekt gemacht – und schildert nun seine Eindrücke.

Jan Gruhn

Ein Fächer als Gastgeschenk für Schulleiter Ulf Kleine-Piening: Zusammen mit seinem Amtskollegen Yao Chen (rechts) stellt er die Weichen für einen Schüleraustausch zwischen Herford und Shanghai. Foto: Friedrich-List-Berufskolleg

Harter Drill und bedingungslose Disziplin. Ein wenig, gibt Kleine-Piening zu, habe auch er dieses Bild der chinesischen Schulkultur im Kopf gehabt. Klar, die Schüler tragen Uniformen und morgens gibt es einen Appell. »Aber hier und da wurde schon ein Kopf auf dem Tisch abgelegt und dem Lehrer wird nicht ganz zugehört.«

Absatzmärkte in Fernost

Ab 2019 kooperiert das Herforder Berufskolleg mit der Pudong Foreign Affairs Services School in Shanghai. Im Frühsommer kommenden Jahres soll erst eine chinesische Schülerdelegation nach OWL reisen. 2020 ist dann der erste Gegenbesuch vorgesehen. »Viele Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben Absatzmärkte in China«, begründet Kleine-Piening das Bündnis. Zudem verschiebe sich der Welthandel zunehmend Richtung Südostasien. Europa oder die USA als Zentrum der internationalen Marktwirtschaft? Längst vorbei.

Im Gegensatz zum deutschen dualen Modell absolvieren die Chinesen eine rein schulische Ausbildung. Für praktische Erfahrungen, so erläutert Kleine-Piening, arbeiten die Schüler nicht in Betrieben – sondern zum Beispiel in der großen Simulationsbank. »Da sitzen die Schüler dann an extra aufgebauten Schaltern und zählen das Geld.« Im Übungshotel, das Kleine-Piening sowie seine Kollegen Andrés Lojo Menk und Agnes Richter besuchten, werden zu Übungszwecken fleißig Servietten gefaltet. In der Schulwerkstatt reihen sich teure deutsche Automarken an chinesische Elektro-Fahrzeuge.

Ein Land der Superlative

Generell spiele die emissionsfreie Mobilität an der Schule im Stadtteil Pudong eine größere Rolle. »Allein für die Lehrkräfte gibt es fünf E-Tankstellen«, staunt der FLB-Leiter. Die FLB-Delegation – die ihre Reise eigenen Angaben zufolge privat finanziert hat – nutzt die freie Woche in den Pfingstferien auch für einen Abstecher nach Hongkong. Besonders der Flughafen – auf eine künstliche Insel ins Meer gesetzt – beeindruckt die Herforder. Gleiches gilt für Shanghais riesigen Containerhafen, ebenfalls ins Wasser gebaut. China, ein Land der Superlative.

Zustande gekommen sei der Kontakt über Chiawan Lin, den Dozenten der Chinesisch AG, die es am FLB gibt. Dabei sind die deutsch-chinesischen Beziehung nicht immer einfach – zum Beispiel mit Blick auf die Einhaltung der Menschenrechte. »Wir haben wenig politische Gespräche geführt«, sagt Kleine-Piening. »Aber wir konnten uns ohne Einschränkungen bewegen.« Lediglich die merklich hohe Zahl an Überwachungskameras sei ihm aufgefallen.

Karriere in China?

Zehn bis 20 FLB-Schüler sollen in zwei Jahren Kleine-Pienings Amtskollegen Yao Chen und dessen Schützlinge besuchen. Um die Kultur kennezulernen. Um zu sehen, worin die Bildungssysteme sich unterscheiden. Und vielleicht, so überlegt Kleine-Piening, winkt die ein oder andere Karriere in Fernost.

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