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Ehemaliger Büroangestellter gibt Betrug zu – neun Monate auf Bewährung

Tafel-Gelder für SM-Szene veruntreut

Herford (WB). Die Sadomaso-Szene war für den 28-jährigen Bürokaufmann einfach zu verlockend. Er chattete im Internet mit den Frauen, bestellte für sie Kleider und Overalls in Lackleder, Reizwäsche, Korsagen und Duftöle – alles auf Kosten der Herforder Tafel. Für diesen Betrug wurde der Engeraner am Freitag zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Bärbel Hillebrenner

Der ehemalige Büroangestellte der Herforder Tafel gibt alle Betrugsvorwürfe zu. Das, und weil er nicht vorbestraft ist, führt zu dem relativ milden Urteil von neun Monaten auf Bewährung. Vertreten wird er vom Engeraner Rechtsanwalt Armin Knoch. Foto: Moritz Winde

So voll ist der Saal 309 im Amtsgericht selten. Zahlreiche Ehrenamtliche des Vereins sind gekommen. »Wir wollen unserer Vorsitzenden den Rücken stärken«, sagt die zweite Vorsitzende Sabine Müller. »Und wir wollen endlich Ruhe und einen Haken machen«, ergänzt Margit Otto.

Doch so einfach ist das nicht.  Zu lang ist die Liste der Anklagepunkte, die Oberstaatsanwalt Stephan Poerschke aufzählt: 38 Betrügereien, davon 23 gewerbsmäßig. Gesamtschaden: 3400 Euro. Zum ersten Mal hören die Mitglieder der Tafel, wofür der Mann die Spendengelder missbraucht hat: für Tintenpatronen und Zubehör für Nähmaschinen, für Bikerstiefel und Lacklederklamotten – und für Gutscheine. Die habe er den Damen der SM-Szene geschenkt.

»Ich fühlte mich erpresst«

Leicht habe er den Zugang in diese halbseidene Welt gefunden, dann sei er immer tiefer hineingerutscht. »Ich habe mich unter Pseudonym in dem Chat angemeldet. Aber irgendwann bekamen die Frauen raus, wer ich bin«, sagt der 28-Jährige: Schöffe am Gericht, SPD-Politiker im Engeraner Stadtrat, Mitarbeiter der Tafel. »Da haben sie mich unter Druck gesetzt, ihnen noch mehr Geschenke zu machen. Ich fühlte mich erpresst.«

Die Veruntreuung von Spendengeldern gibt er zu – nicht aber den zweiten Betrugsvorwurf. Er soll auch einen Spendenscheck vom Tennisclub Enger über 800 Euro eingesteckt haben. »Nein, das stimmt nicht. Ich habe mit Absprache der Vorsitzenden den Scheck auf mein Privatkonto buchen lassen, das Geld aber danach der schwarzen Kasse zugeführt.« Welche schwarze Kasse?

Kuchen-Quittung für eine Beerdigung

Hellhörig werden Staatsanwalt und Richterin Alexandra Sykulla. »Von diesen Geldbeträgen wurden Lebensmittel gekauft, Knöllchen bezahlt und ein Mitarbeiter unterstützt«, zählt der Angeklagte auf. Belege habe er keine, nur noch einen von einer Bäckerei: Es ist die Kuchen-Quittung für eine Beerdigung, die die Tafel für einen ehemaligen Ehrenamtler ausgerichtet hat.

Die Vorsitzende Barbara Beckmann ist fassungslos, als sie im Zeugenstand nach der schwarzen Kasse gefragt wird. »Die gibt es nicht. Bei uns geht alles mit rechten Dingen zu.« Von der Tennisclub-Spende habe sie seinerzeit nichts gewusst. Den Scheck habe der ehemalige Büroangestellte in seiner Position als Kassenwart angenommen, sie, die Vorsitzende, aber darüber nicht informiert. Das Gericht kann die Vorwürfe des Angeklagten nicht aufarbeiten, er selbst nichts beweisen. Diese Anklage wird deshalb eingestellt.

Die 38 Veruntreuungen der Gelder aber wiegen schwer. »Vor allem, weil Sie die Bedürftigen und einen gemeinnützigen Verein betrogen haben, nur um als Gönner aufzutreten«, erklärt Richterin Sykulla. Vorwürfe aber muss sich auch die Herforder Tafel und deren Vorstand anhören. Vertrauen sei gut, aber Kon-trolle besser, sagt Sykulla: »Wo Schlupflöcher sind, werden sie zu oft auch ausgenutzt.«

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