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Bahn kollidiert zwischen Herford und Kirchlengern mit Auto – 50 Retter im Einsatz – Jugendliche simulieren Verletzte - mit Video

Übung: Zugunglück mitten in der Nacht

Herford/Kirchlengern(WB). Ein Notfall-Großeinsatz der besonderen Art hat in der Nacht zu Samstag Dutzende Rettungskräfte auf die Probe gestellt. Für die realistische Simulation eines Zugunglücks auf freier Strecke waren 40 Darsteller vor Ort.

Sophie Hoffmeier

Jeder Handgriff sitzt: Behutsam hebt DRK-Mitglied Lennart Goldstein Juliane Acam auf die Krankenliege. Die Jugendliche simuliert eine Verletzte, die sich nicht bewegen kann. Fotos: Sophie Hoffmeier Foto:

»Wir brauchen Hilfe!«

Es ist fast zwei Uhr nachts. Im Zug herrscht ein Wirrwarr an Stimmen. Menschen liegen auf dem Boden oder sitzen zusammengekauert auf den Bänken. »Was ist passiert? Warum stehen wir?«, fragt eine Passagierin. »Wir brauchen Hilfe«, schreit eine andere.

Von der Toilette ist ein verzweifeltes Hämmern zu hören. Hier befindet sich Chris-Leon Dehne, der nach dem »Aufprall« Scherben vom Spiegel ins Gesicht bekommen hat. Mitten auf der Bahnstrecke zwischen Kirchlengern und Herford ist die Westfalen-Bahn zum Stehen gekommen.

Sieben Minuten dauert es, dann sind die Sirenen zu hören. Die Löschtruppen Kirchlengern, Südlengern und Kirchlengern-Mitte und die Rettungsgruppe rücken zeitgleich an. Mit Taschenlampen kämpfen sich die Feuerwehrleute durch das Gestrüpp vor bis zum Kiesbett. Was sie hier vorfinden ist für viele von ihnen in dieser Größenordnung Neuland.

Der Zug ist in dem gespielten Szenario mit einem Auto zusammengeprallt. In dem Pkw befinden sich zwei Schwerverletzte, aber auch im Zug wird ärztliche Versorgung benötigt. Jetzt muss vieles passieren und am besten alles auf einmal.

Rettungsschere und Spreizer im Einsatz

Einsatzleiter ist Frank Rieke von der freiwilligen Feuerwehr Kirchlengern. Er und sein Team entscheiden sich für eine rückenschonende Rettung und entfernen dafür das Autodach mit der hydraulischen Rettungsschere und dem Spreizer. Matthias Brand vom Lukas-Krankenhaus kümmert sich um die Versorgung der Verletzten im Auto. Sein Kollege Dr. Tim Christopher Lendzian ist zeitgleich im Zug unterwegs. Hier ist es eng und stickig.

Von allen Seiten wird auf ihn eingeredet und nach Hilfe verlangt. Es müssen allerdings zunächst die »Verletzungen« mit Hilfe einer Patienten-Anhängetasche erfasst werden, um den Überblick zu behalten und einzuschätzen, wer am dringendsten ärztliche Versorgung braucht. »Die Situation ist wirklich spannend und überraschend. Es ist schwierig, mich daran zu erinnern, was ich gesehen habe und den Überblick zu behalten«, berichtet Lendzian.

Nach und nach bekommen die »Verletzen« Hilfe. Teilweise müssen sie mit der Trage abtransportiert werden. Nach dem ersten Rundgang wird auch Chris-Leon in der Toilettenkabine gefunden. Der 13-Jährige bekommt von einem DRK-Mitglied einen Verband am Kopf angelegt. Zusammen mit den anderen »Reisenden« wird er aus dem Zug evakuiert.

Bahnstrecke bleibt bis 5 Uhr gesperrt

Für die Großübung ist die Bahnstrecke bis 5 Uhr morgens gesperrt. Die realitätsnahe Darstellung des Unfalls ist den Mitgliedern des Jugendrotkreuz Minden, dem DRK und der evangelischen Jugend aus Bünde und Spenge zu verdanken. 13- bis 21-Jährige fungieren als Passagiere und meistern diese Aufgabe souverän.

Gerade bei den Darstellern der Verletzten vom Jugendrotkreuz ist von Aufregung keine Spur. Sie fahren regelmäßig auf Sanitäter-Lehrgänge und kennen solche Szenarien. »Für uns ist es eher spannend zu gucken, wie die Rettungskräfte auf uns reagieren«, erzählen sie.

Bereits im Februar begannen die Vorbereitungen für die Simulation durch ein Planungsteam aus Feuerwehr- und DRK-Mitgliedern. Gerade nachts sind solche Übungen eine Seltenheit. »Für uns sind solche gespielten Szenarien wichtig, um die Meldewege zu überprüfen«, erklärt Sven Jamelle von der Westfalen-Bahn. Er ist zusammen mit einem Kollegen als Notfallmanager vor Ort. Es wurde versucht, die Aktion möglichst im Vorfeld vor den Einsatzkräften geheim zu halten.

Fast 40 Feuerwehrleute sowie weitere Helfer sind in dieser Nacht auf den Beinen. »Das, was wir hier erleben, würde ich als realistisch beschreiben. Es ist nicht schulbuchmäßig, dafür aber praxisnah mit allem, was dazu gehört«, berichtet Holger Klann, Mitglied der Löschgruppe Südlengern.

Um die Verunglückten schonend aus dem Auto zu retten, hat die Feuerwehr das Dach entfernt. Foto: Sophie Hoffmeier
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