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Warum in Herford Ende der 50er Jahre viel altes Fachwerk durch neue Gebäude ersetzt wurde

Verwittert, zerbombt, einsturzgefährdet

Herford

In Städten wie Quedlinburg bewundern jedes Jahr tausende Touristen den Erhalt und die Restaurierung vieler alter Fachwerkhäuser. Auch Herford verfügte einst über eine ähnliche Bausubstanz, ging nach dem Zweiten Weltkrieg aber einen anderen Weg: Viele Häuser wurden schlicht abgerissen.

Von Christoph Laue

Für viele ältere Herforder ist der Verlust der alten Bausubstanz an der Bergertormauer besonders tragisch. Auch dieses Haus mit der Nummer 13 musste weichen und der heutigen Berliner Straße Platz machen. Foto: Kommunalarchiv

Bis heute bedauern geschichtsinteressierte Herforderinnen und Herforder die Verluste alter Bausubstanz in ihrer Stadt. Ältere erinnern sich wehmütig an die Bergertormauer, die dem Bau der Berliner Straße weichen musste. Dabei waren die Zustände dort für Eigentümer und Mieter in den 1960er Jahren nicht sehr lebenswert und viele durchquerten die Straße nur mit Angst.

In der Nachkriegszeit gab es viele Quartiere in Herford, die in ähnlich schlechtem Zustand waren. Eine Akte aus dem Jahr 1958 macht dies besonders deutlich. Das Land NRW stellte im Februar 1958 der Stadt Sondermittel von 306.000 D-Mark „für den durch die Beseitigung von einsturzgefährdeten Häusern in Verlust geratenen Wohnraum“ zur Verfügung. Voraussetzung war, „dass die Stadt 32 Wohnungen nachweist, die sich in einsturzgefährdeten Häusern befinden“.

"Die Wände sind erheblich grundfeucht"

Die Bauverwaltung wurde schnell tätig, stellte eine entsprechende Liste zusammen und dokumentierte den Zustand der Gebäude auch fotografisch. So entstand eine spannende Dokumentation der Wohnverhältnisse und Abbrüche. 17 Objekte wurden ausgewählt.

Die Beschreibungen der baulichen Zustände waren meist ähnlich. Der Abbruch des Wohnhauses an der Bielefelder Straße 93, in dem noch vier Personen wohnten, sei „notwendig, weil tragende Fachwerkglieder und die Dachkonstruktion abgängig sind“. Das Haus Luttenbergstraße 9 „weist starke Schäden an der Dachkonstruktion, der Dacheindeckung, der Fachwerkausmauerung, der Fenster und des Fußbodens auf“.

Das Haus Diebrocker Straße 49a, erbaut 1813 mit vier von zehn Personen bewohnten Wohnungen, „ist nicht mehr bewohnbar, weil die Wände erheblich grundfeucht sind und das Außenmauerwerk zum Teil verwittert ist,“ ebenso das Nachbargebäude Diebrocker Straße 49b. Am Otterheider Weg 5, erbaut 1810, lebten in drei Wohnungen acht Personen, es blieb zunächst trotz erheblicher Schäden erhalten.

Auf dem Dudel 23 sei die „Räumung erforderlich, weil in Anbetracht mangelnder Standfestigkeit eine ernste Gefahr für die Bewohner besteht“. Die Wohnräume „mit einer lichten Höhe von nur ca. 2,25 Meter sind derart feucht, daß aus gesundheitspolizeilichen Gründen die Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern dringend anderweitig untergebracht werden muß“, heißt es vom Haus Jöllenbecker Weg 127.

Entsprechende Gründe werden für die Mindener Straße 164, Brüderstraße 24 (neben dem heute prächtigen Remensnider­haus) und die Hollandstraße 2, 2a und 4 angegeben. Auch für die Bergertormauerstraße 27 und 13, dessen „hintere Gebäudewand … von der alten Stadtmauer gebildet“ wird, „die in ihrem Gefüge stark erschüttert ist“, wird gesagt, dass sie „aus Sicherheitsgründen dringend beseitigt werden“.

Das Haus Lessingstraße 8 „hat im Jahre 1945 starke Bombenschäden erlitten. Instandsetzungsmaßnahmen sind seither nur in geringem Umfang erfolgt“. Der Wohnbau Herford gehörte das Haus Bünder Straße 22. Hier lebten 15 Personen in vier Wohnungen, obwohl „die Gesamtkonstruktion nicht mehr genügend Standfestigkeit aufweist“. Im Dachgeschoss „hat sich der Fußboden stellenweise stark seitlich geneigt“.

Erst 1974 Verweis auf kulturhistorische Bedeutung

Außer Otterheider Weg 5 wurden alle Gebäude abgebrochen. 1960 erfolgte eine weitere große Abbruchaktion mit ähnlichen Bewertungen vor allem an der Bergertormauer-, Fidelen- und Hollandstraße, aber auch einige Behelfsheime und Baracken wurden nun entfernt. Die Fotos von 1958 zeigen wirklichen Bruch, aber auch Fachwerkhäuser, die sicher mit viel Aufwand hätten erhalten werden können. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner werden sich aber über ihre Neubauwohnungen gefreut haben.

Erst 1974 wies das Bauamt darauf hin, „dass Bauteile freigelegt werden (könnten), deren handwerkliche oder künstlerische Bearbeitung von Kulturhistorischer Bedeutung ist“. In diesen Fällen sollten sich die Beteiligten an das Städtische Museum oder die Verwaltung wenden.

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