Interview mit dem Vorsitzenden der Vlothoer Bürgerinitiative WiduLand

„Völlige Ignoranz des Verkehrsministeriums“

Vlotho (WB)

Die Maxime „Immer schneller, immer gigantischer“ hat sich im Jahr 2050 als nicht mehr zeitgemäß erwiesen und die Planungen für die ICE-Strecke durch die Region verstauben im Bundesarchiv. Diese Hoffnung hat Dirk Schitthelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Widuland. Im Interview mit Jürgen Gebhard spricht er auch darüber, was er vom bisherigen Verfahren und vom Verkehrsministerium hält.

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Das orangefarbene Dreieck ist das Symbol des Widerstands gegen die geplante ICE-Strecke durch die Region. Foto: Jürgen Gebhard

Am 4. November 2020 wurde die Bürgerinitiative WiduLand (Untertitel: „Weichenstellung für den Erhalt von Landschaft und Natur durch eine trassennahe ICE-Strecke“) gegründet.

Vorsitzender Dirk Schitthelm und Laureen Becker, Mitglied Nr. 2000 Foto: widuland.de

„Deutschland-Takt ist jetzt Gesetz“: So lautete gerade eine Überschrift im WESTFALEN-BLATT. Hat sich die Arbeit der Bürgerinitiative damit erledigt?

Dirk Schitthelm: Ganz im Gegenteil, der Installation eines Deutschlandtaktes stimmen wir uneingeschränkt zu. Wir halten es für sinnvoll und notwendig, einen integralen Taktfahrplan zu etablieren, der die verschiedenen Schienenverkehrsmittel im Nah-, Regional-, Fernverkehr und auch den ICE besser aufeinander abstimmt. Davon haben alle etwas und das Verkehrsmittel Bahn wird in der Attraktivität gesteigert – ein positiver Anreiz, um mehr Menschen für den Schienenverkehr zu begeistern. Was sich an dieser Meldung allerdings zeigt, ist die völlige Ignoranz des Verkehrsministeriums gegenüber dem Parlament, geltenden Gesetzen und auch einer offenen, sachlichen Diskussion.

Im November 2020 wird die Bürgerinitiative Widuland unter Coronabedingungen im Betonwerk gegründet. Foto: Jürgen Gebhard

Wie begründen Sie diese Aussage?

Schitthelm: Der aktuelle Deutschlandtakt mit den bekannten 31 Minuten zwischen Bielefeld und Hannover ist zu keiner Zeit im Parlament diskutiert und beschlossen worden. Es wurde zu keiner Zeit darüber diskutiert, ob die Fokussierung auf eine 17 Minuten kürzere Fahrzeit, die zwingend 80 Kilometern Neubau erfordert, wirklich der richtige Schwerpunkt ist, oder ob es nicht noch ganz andere Faktoren sind, die die Bahn besser machen. Lässt sich vielleicht für viel weniger Geld eine Lösung finden, die wirtschaftlicher ist, Mensch und Natur weniger belastet und am Ende sogar noch finanziellen Spielraum für weitere Verbesserungen vor allem im Nahverkehr bietet?

Solidarität mit WiduLand: die Dimensionen einer ICE-Trasse im Modellbauformat in einem Schaufenster in Vlotho. Foto: Joachim Burek

Glauben Sie, dass die Region noch ernsthaft Einfluss auf die Planungen nehmen kann?

Schitthelm: Aus der Region kommen die richtigen Impulse an die Politik. Die muss allerdings erst mal ihre Aufgaben erledigen, bevor sie mit Dingen wie Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz, Deutschlandtakt und Erprobungsklausel für schlechte Stimmung sorgt. Wir wollen Denkanstöße geben, Schwierigkeiten aufzeigen, aber auch aus unserer Sicht gangbare Wege diskutieren. Mit dem aktuellen Personal im Verkehrsministerium erscheint mir das allerdings keinen Sinn zu machen. Da herrscht persönliche Eitelkeit, die keine anderen Sichtweisen duldet, in Kombination mit einer nicht vorhandenen Verantwortung für das sauer verdiente Geld der Bürger. Hauptsache schöne Schlagzeilen und beim Spatenstich in die Kameras lächeln. Ich habe die Hoffnung, dass nach der Wahl die Themen aufgearbeitet werden können, die bislang ignoriert und ausgesessen wurden.

Dirk Schitthelm

Wie sehen die nächsten Planungs-/Entscheidungs-Schritte aus?

Schitthelm: Wir werden weiter die parteiübergreifende Vernetzung der Region voran bringen und unser Anliegen sachlich begründet immer wieder deutlich machen. Wir werden demnächst wohl auch Gutachten in Auftrag geben, um Antworten auf elementare Fragen zu erhalten, die uns weder die Bahn noch das Verkehrsministerium beantworten will. Nur wenn man solide Zahlen zur Wirtschaftlichkeitsberechnung zum erwarteten Kapazitätsbedarf bei Personen- und Frachtaufkommen sowie zu Ausbaumöglichkeiten in den verschiedenen Streckenabschnitten hat, kann man in der Sache nach der optimalen Lösung suchen. Experimentelles Bauen und „Wir probieren mal was aus“ ist aus meiner Sicht für solch ein Milliardenprojekt eine fragwürdige Strategie.

Wie bewerten Sie die bisherige Zusammenarbeit mit der Bahn?

Schitthelm: Der Bahn sind durch die Vorgaben des Verkehrsministeriums in vielen Bereichen die Hände gebunden. Mit den in Stein gemeißelten 31 Minuten wird die Streckensuche „auf einem weißen Blatt Papier“ ad absurdum geführt. Warum bei dem sogenannten Bürgerdialog, der für das Maßnahmengesetz vorgeschrieben ist, nicht mal das Verfahren im Vorfeld genau definiert wird, damit jeder weiß, woran er ist, erschließt sich mir nicht. Ob die technisch etwas stümperhafte Umsetzung des als Online-Veranstaltung durchgeführten Dialoges sinnbildlich für die Leistungsfähigkeit der Bahn steht, weiß ich nicht. Auch ein schlechter Dialog ist immerhin noch einer und wenn er mit oder ohne Ergebnis nach zwei Jahren beendet ist, kann eine neue Strecke einfach per Gesetz beschlossen werden. Ich sehe inzwischen keinen Grund mehr, warum das Plenum nicht öffentlich unter der Beobachtung der Presse tagen sollte. Geheimniskrämerei sorgt nicht für Vertrauen und neutrale Beobachter können dem Prozess nur gut tun.

Vereine und Kirchengemeinden (hier Exter Bonneberg) stellen Dreiecke und Protestbanner gegen die geplante ICE-Strecke auf. Foto: Joachim Burek

Ein halbes Jahr nach ihrer Gründung hat die Bürgerinitiative WiduLand bereits mehr als 2000 Mitglieder. Auch sehr viele Vereine gehören dazu. Hatten Sie mit diesem Zuspruch gerechnet?

Schitthelm: Gerechnet nicht wirklich, erhofft wohl schon. Wir sind ein sehr starkes und engagiertes Team und je mehr Mitglieder sich hinter uns versammeln, desto schwerer fällt es der Politik, uns zu ignorieren.

Corona hat die Arbeit der BI und ihre öffentliche Präsenz nicht gerade einfacher gemacht.

Schitthelm: Die klassische Arbeit einer Bürgerinitiative mit öffentlicher Information und Diskussion und wenn es denn notwendig ist auch Demonstration findet praktisch nicht statt. Das ist schlecht für uns und vielleicht ganz praktisch für die Bahn, die das Verfahren ja trotzdem durchzieht. Aber wir haben sehr, sehr viele engagierte Mitglieder in unseren Reihen, die sich nicht entmutigen lassen und fantastische Arbeit leisten.. Da kann ich gar nicht oft genug Danke sagen und meinen Hut vor ziehen, was da alles hinter den Kulissen angeschoben wird.

Dirk Schitthelm

Was ist bisher gelaufen? Welche Aktionen sind in nächster Zeit geplant?

Schitthelm: Wir warten sehnsüchtig auf normale Zeiten, weil unsere Schubladen schon fast überquellen. Ich möchte hier nichts ankündigen, was sich am Ende nicht realisieren lässt. Es kommen aber noch spannende Aktionen, die die Menschen in der Region weiter zusammen bringen werden.

Es gibt auch Befürworter. „Wir brauchen doch eine Verkehrswende hin zur Bahn“, „Von schnellen ICE-Verbindungen profitieren doch alle“, „Jeder will doch schnelle Bahnstrecken, nur nicht vor der eigenen Haustür“: Was entgegnen Sie solchen Argumenten?

Schitthelm: Zuerst, und das kann man nicht oft genug wiederholen, auch wir wollen die Leistungsfähigkeit der Bahn verbessern auch wir wollen gerne das Angebot von schnellen Reisen nutzen. Aber wir wollen dies nicht nur auf ganz wenigen neuen Strecken mit dem ICE tun. Im Nahverkehr spielen sich 85 Prozent der Bahnreisen ab. Da sind durch mehr Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Komfort, Sauberkeit und so weiter viel größere Potenziale für mehr Fahrgäste vorhanden. Da ich auch immer noch an die Endlichkeit von Geld glaube, muss man darüber diskutieren, ob man eine ICE-Strecke mit viel Geld für wenige baut, oder mit weniger Geld die wirklichen Engstellen behebt und sich anschließend noch vielen weiteren effizienten Projekten zuwenden kann. Der gleiche Zug, der hier mit 300 km/h fahren soll, fährt übrigens bei Magdeburg weiter nur 120. Eine neue Bahnstrecke benachteiligt viele Menschen neu, und auch viel Landschaft und Natur werden neu in Mitleidenschaft gezogen. Wenn sich dann in 20 oder mehr Jahren zeigt, dass sie einfach unnötig und überdimensioniert war, dann ist es zu spät. Bloß weil jetzt die Bereitschaft zur Offenlegung aller Zahlen und Fakten nicht da ist und die umfassende Diskussion unbequem ist, werden wir bestimmt nicht einfach so ein Projekt abnicken.

Dirk Schitthelm

Ein Blick in die Zukunft: Wir schreiben das Jahr 2050. Was ist aus den Planungen der Bahn geworden?

Schitthelm: Ich denke, wenn die wirtschaftlichen Folgen des jüngsten politischen Handelns sichtbar werden, werden nicht nur kleine Brötchen gebacken werden. Es wird auch mit mehr Vernunft und Sorgfalt überlegt, wie dick man diese Brötchen belegen kann, damit für alle genug da ist. „Immer schneller, immer gigantischer“ ist, glaube ich, ein nicht mehr zeitgemäßer Weg. Meine Hoffnung ist, dass die Bahn ein solides Verkehrsmittel wird, das viele Menschen komfortabel, pünktlich und zuverlässig durch die Gegend fährt. Die dabei nicht langsamer als die Alternativen ist, dafür aber günstiger und für alle erschwinglich. Die Pläne für die ICE-Neubaustrecke Bielefeld-Hannover verstauben im Jahr 2050 ungenutzt in den dunklen Kellern des Bundesarchivs.

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