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German Friendships: Künftige EU-Kommissionspräsidentin nimmt sich Zeit für Herford – mit Video

Von der Leyen plaudert in der Scheune

Herford (WB). Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am Freitag Herford besucht. Bei dem Jugendreitturnier German Friendships sprach sie über ihre bevorstehende Amtszeit.

Jan Gruhn

Ursula von der Leyen und der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert im Gespräch. Foto: Jan Gruhn

Es ist heiß an diesem Freitagnachmittag auf dem Bexter Hof in Herford. Die Zuhörer des sogenannten Scheunengespräches, abseits der Reitflächen, gönnen sich nach einer Podiumsdiskussion eine kleine Pause und ein Wasser.

Der ehemalige Bundestagpräsident Nobert Lammert (CDU, hat einen Nebenwohnsitz in Vlotho) hat gerade über den Status Quo der Demokratie in Deutschland gesprochen, anschließend diskutierte er mit Herfords Bürgermeister Tim Kähler (SPD), Sportfunktionär und Landesminister a.D. Michael Vesper (Grüne) sowie ZDF-Chefredakteur Peter Frey über den Zustand der Parteien. Während die Gäste der Hitze der Scheune entkommen, marschiert Ursula von der Leyen Richtung Bühne. So richtig bemerkt sie zunächst niemand. Doch auf einmal steht sie vorne.

Trotz eines vollen Terminkalenders hat sie es nach Ostwestfalen geschafft. »Ich habe mir diesen Tag extra frei gehalten«, sagt sie später im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Schließlich sei sie die Schirmherrin der Veranstaltung, Auch ihr Nachwuchs sei hier schon geritten, sie ist selbst Reiterin.

Es ist ein Termin, vor dem sie vergleichsweise weniger angespannt gewesen sein dürfte. Schließlich steht sie vor der Aufgabe, die EU in den kommenden fünf Jahren wieder zu einen. Mit ZDF-Mann Frey plaudert sie sich durch die Arbeitsfelder, die in den kommenden Monaten vor ihr liegen – unter anderem vor den Augen von Europa-Urgestein Elmar Brok (CDU), der in der erste Reihe sitzt. Er sei das lebende Beispiel, wie die Politik der EU wieder zurück in die Heimat der Menschen getragen werde, sagt von der Leyen in Richtung des langjährigen EU-Parlamentariers, der jetzt nicht mehr in Brüssel sitzt.

Das Prinzip des Spitzenkandidaten halte sie nach wie vor für richtig, sagt von der Leyen. Ihre Nominierung hatte viele überrascht – und für reichlich Kritik gesorgt. Aber sie will das System überarbeiten. Vielleicht könnte man die bald aller Voraussicht nach frei werdenden Sitze der Briten auf transnationale Wahllisten aufteilen, sagt von der Leyen. Apropos Briten: Mit dem neuen Premierminister Boris Johnson habe sie noch nicht gesprochen. »Dafür war noch keine Zeit.« Wichtig sei beim angestrebten Austritt des UK aus der EU, dass die Grenze zwischen Großbritannien und Irland nicht wieder vergangene Formen annehme. Der drohende Brexit sei zudem auf keinen Fall das Ende, sondern »der Beginn unserer künftigen Zusammenarbeit«.

Auch Jürgen Klinsmann in Herford

Schwere Themen, mit denen sich die Teilnehmer des Scheunengesprächs auseinandersetzen müssen. Geht es doch bei den Friendships vorwiegend ums Reiten und das Knüpfen internationaler Freundschaften zwischen Nachwuchssportlern. Unter ihnen ist auch die Tochter von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Der ehemalige Fußballprofi schaute gegen Mittag, wenige Stunden vor dem Besuch von der Leyens, seiner Tochter zu. Im VIP-Zelt neben dem zentralen Platz ließ es sich offenbar gut aushalten.

In der Scheune, wo sonst Pferde stehen, wird es indes langsam unerträglich warm. Doch von der Leyen, in beiger Hose und weißen Top mit Punkten gekleidet, lässt es trotzdem nicht an Pathos missen. »We took it for granted«, sagt die ehemalige Verteidigungsministerin über ihre Generation. Wir haben es für selbstverständlich hingenommen: den Frieden, den Wohlstand. »Wir sind bräsig geworden.« Doch aus ihrer Sicht sei es wieder Zeit, dafür zu arbeiten. »Die jungen Menschen zeigen uns gerade, wie man raus geht und für ein Thema kämpft.« Fridays for Future, Pulse of Europe führt sie als Beispiele an.

»Aber der Kreml verzeiht keine Schwäche«

Kämpfen will sie selbst dafür, dass sich alle 28 EU-Länder an einer gemeinsamen Lösung in der Migrationsfrage beteiligen. Jeder solle ein Teil der Belastung tragen, jeder so, wie er es am besten kann. Einen europäischen Mindestlohn, der die Rahmenbedingungen setze, halte sie ebenfalls für sinnvoll. »Da übernehmen sie eine sozialdemokratische Idee«, wirft Moderator Frey ein. Von der Leyen widerspricht vehement, schließlich habe sie das als Arbeitsministerin schon gefordert.

Ebenso deutlich wird die Niedersächsin, als es um Russland geht. Zu einem Dialog sei sie bereit. »Aber der Kreml verzeiht keine Schwäche.« Die EU müsse aus einer Position der Stärke agieren, sagt von der Leyen. Und das heißt, dass Russland den ersten Schritt machen müsse. »Es ist am Kreml, uns zu zeigen, dass er bereit ist, sich anders zu verhalten.«

In fünf Jahren soll die EU aus ihrer Sicht ein wichtiger Mitspieler auf internationaler Ebene sein, selbstbewusster als heute, sagt es von der Leyen zum Schluss des Plausches. In der Scheune kommt diese Botschaft gut an, sie wird mit Applaus verabschiedet. Wie weit sie mit ihrem Vorhaben kommt, wird sich demnächst zeigen müssen.

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